Paralympics – Wer sind die deutschen Athleten? getty images; Marianne Buggenhagen bei der Einkleidung

Paralympics – Wer sind die deutschen Athleten?

  • Anja Rau
150 deutsche Athleten werden bei den Paralympischen Spielen 2012 in London an den Start gehen. Dabei sind ganz junge Sportler, aber auch gestandene Athleten, die bereits viele Erfahrungen und Erfolge sammeln konnten. netzathleten stellt einige der paralympischen Athleten vor.

Marianne Buggenhagen

Marianne Buggenhagen ist das Aushängeschild der paralympischen Leichtathletik. Neunmal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze sind allein die Medaillenbilanz der fünf Paralympics, an denen die 59-Jährige bislang teilgenommen hat. Hinzu kommen 20 Weltmeistertitel, sechs Europameistertitel und unzählige weitere Medaillen, allein national waren es mehr als 130. 1994 wurde sie Sportlerin des Jahres, vor Franziska van Almsick und Steffi Graf. Eine Auszeichnung, die ihr viel Aufmerksamkeit brachte, ein Rummel um ihre Person, der ihr bis heute nicht geheuer ist.

Die in Ueckermünde in der DDR geborene Buggenhagen spielte zunächst Volleyball, bevor sie 1976 einen Bandscheibenvorfall erlitt, der in einer Querschnittslähmung endete. Im Rahmen der Rehabilitation begann sie nur ein Jahr später mit dem Rollstuhlsport, Spezialisierungen gab es damals noch nicht, weswegen sie alles ausprobierte, was sich ihr bot. Eigentlich wollte sie ja auch nur wieder fit werden und sich auf ein Leben im Rollstuhl einstellen. Dennoch beginnt sie 1989 mit dem Leistungssport – im Alter von immerhin schon 36 Jahren. Sie spezialisierte sich auf die Wurfdisziplinen der Leichtathletik, Kugelstoß und Diskuswurf sind ihre Paradedisziplinen, doch auch im Speerwurf konnte sie Erfolge feiern.

Eigentlich wollte Marianne Buggenhagen ihre Karriere nach den Paralympics 2008 beenden. Doch es dauerte nur wenige Monate, bis sie das Training und die Wettkämpfe zu vermissen begann. So hat die Sportlerin, die ein Vorbild für viele andere ist, noch eine Olympiade drangehängt. Leider wurde das Diskuswerfen in ihrer Startklasse gestrichen, was die Medaillenchancen deutlich verkleinert. Egal, ob sie in London noch einmal eine Medaille gewinnt oder nicht, als eine der bekanntesten Rollstuhlsportlerinnen Deutschlands hat sie die paralympische Bewegung vorangebracht. Die Teilnahme an ihren dann siebten Paralympics in Rio de Janeiro 2016 hält sie zudem nicht für ausgeschlossen.

Kirsten Bruhn

Schwimmerin Kirsten Bruhn ist ein eben solches Aushängeschild für ihren Sport wie Marianne Buggenhagen. Die heute 42-jährige Wahlberlinerin kam durch ihre schwimmsportbegeisterte Familie zum Sport. Ihr Vater habe sie einfach ins Wasser geworfen und gesagt: Entweder du schwimmst oder du hast ein Problem. Probleme sind nicht ihre Sache und so lernte sie schwimmen. Nur wenige Jahre später, als Zehnjährige, begann sie mit dem Leistungssport. Seit einem Motorradunfall im Jahr 1991 ist sie inkomplett querschnittsgelähmt. Die Arme kann sie bewegen, die Beine nicht. Trotzdem ging sie weiter in die Schwimmhalle. Schwimmen war eine der Sportarten, mit denen sie sich nach der langen Zeit im Krankenhaus fit hielt. Doch erst lange Jahre später, 2002, wurde sie dazu ermutigt, es wieder mit dem Leistungssport zu versuchen.

Dies wurde zu einer Wende in ihrem Leben, denn das Training und die Wettkämpfe bestimmen seitdem ihren Alltag. Sechs Tage die Woche, vier bis fünf Stunden täglich verbringt sie mit dem Training. 2004 nahm sie an ihren ersten Paralympics teil und gewann Gold über 100 Meter Brust. Ein Erfolg, den sie vier Jahre später in Peking wiederholte. 2004 gewann sie zudem Silber über 100 Meter Rücken und 50 Meter Freistil sowie Bronze über 100 Meter Freistil. 2008 kamen neben ihrer Goldmedaille noch Silber über 100 Meter Rücken und Bronze über 50 Meter, 100 Meter und 400 Meter Freistil hinzu.

Für London hat sie sich wieder Einiges vorgenommen, schließlich hat sie Ende Juni bei den Deutschen Meisterschaften einen neuen Weltrekord über 50 Meter Rücken aufgestellt. Ob Medaille oder nicht, im Frühjahr 2013 wird ihre Geschichte ins Kino kommen. Zusammen mit dem kenianischen Läufer Henry Wanyoike und dem Australier Kurt Fearnley, der herausragende Erfolge im Rennrollstuhl-Marathon feiert, wurde und wird die deutsche Schwimmerin von einem Filmteam für das Projekt „GOLD – Du kannst mehr als Du denkst“ in der Vorbereitung und während der Paralympics begleitet.

Matthias Schröder

2008 in Peking gewann Matthias Schröder Gold über die 400 Meter. Eigentlich war er als Zweiter über die Ziellinie gelaufen, doch der Erste war auf die Bahnmarkierung getreten und so disqualifiziert worden. Damit Schröder in London nicht ein ähnliches Missgeschick unterläuft, tritt er seit mittlerweile fast zwei Jahren mit einem Guide an. Der 29-jährige Schröder ist aufgrund einer Netzhautablösung sehbehindert, aktuell hat er 0,8 Prozent Sehkraft. Seine Augenkrankheit ist extrem selten, erblich (seine Schwester ist ebenfalls erkrankt) und betrifft normalerweise Menschen über 50 Jahren. Seine Netzhaut riss eines Nachts, als er sechs Jahre alt war. Weil so wenige Personen betroffen sind, steckt die Wissenschaft kein Geld in die Forschung, Medikamente werden nicht entwickelt – eine Tatsache, mit der sich Matthias Schröder abgefunden hat.

Tobias Schneider, sein Guide, wollte seine eigene Karriere schon beenden, da sein Leistungsvermögen nicht für die Weltspitze reichte. Doch dann kam die Anfrage von Matthias Schröder. Für diesen war es nicht einfach, einen Begleitläufer zu finden, er ist paradoxerweise einfach zu schnell. Einen Sprinter, der extrem schnell und zugleich bereit ist, seine Schnelligkeit einem anderen Läufer zur Verfügung zu stellen, gibt es nicht häufig in Deutschland. Schröders Bestleistung liegt bei 49,29 Sekunden, der Guide muss noch ein wenig schneller sein. Schneller ist aber in Deutschland gleichbedeutend mit nationaler Spitze. Glück für beide, dass sie in Kontakt kamen. Die kleine Sportgemeinschaft der beiden funktioniert bestens. Deswegen hat sich der 29-järige Schröder auch wieder eine Medaille vorgenommen, immerhin ist er der Titelverteidiger. Das wichtigste ist, dass er vor seinem Begleitläufer, aber auch nicht ohne ihn ins Ziel kommt. Beide Fälle würden eine Disqualifikation bedeuten – das Missgeschick, das sie unbedingt vermeiden wollen.

Michael Teuber

Der Radrennfahrer Michael Teuber ist 44 Jahre alt und freute sich kürzlich bei Facebook öffentlich über sein Wettkampfgewicht von 66,9 Kilogramm. Für den Diplomkaufmann aus Dietenhausen ist dies ein Schritt zum Erfolg, dürfen Radsportler doch kein Gramm zu viel mit sich rumschleppen. Dass er bei den Paralympics in London eine Medaille gewinnen will, steht außer Frage. Schließlich konnte er 2008 seinen Olympiasieg im Einzelzeitfahren auf der Straße von 2004 wiederholen und nach Gold in der Bahnverfolgung 2004 in Peking Silber folgen lassen.

Am 1. August hat sich der Tag seines Autounfalls bereits zum 25. Mal gejährt. Seit 25 Jahren ist er durch einen Bruch des zweiten und dritten Lendenwirbels inkomplett querschnittsgelähmt. Die Diagnose Rollstuhl traf ihn anfangs schwer, doch aufgeben wollte er nicht. Hartes Training und sein Kampfgeist verhelfen ihm dazu, dass er heute mit nur leichten Hilfen gehen kann.

Nach seinem Unfall begann er zunächst mit dem Mountainbiken, was aufgrund der Gangübersetzungen recht einfach war. Relativ schnell trat er bei Downhill-Wettbewerben an und startete 1996 sogar bei den Weltmeisterschaften – als einziger Starter mit Handicap. 1998 wechselte er das Fahrrad, sattelte um auf Rennradfahren und ist seitdem aus der Weltspitze nicht mehr wegzudenken. Zwischenzeitlich wollte der Weltverband ihm allerdings ein wenig die Stimmung vermiesen: Nach 15 Jahren wurde er in eine andere Klasse mit weniger beeinträchtigten Fahrern gesteckt. Nach Protesten hatte der Weltverband ein Einsehen, Teuber darf nun wieder in seiner alten Klasse starten. Jedoch muss er auf seine gewohnten Schalen zur Stabilisierung der Unterschenkel und Füße verzichten, nur einfache Schienen darf er in London benutzen. Doch er hat noch immer Kampfgeist genug, um sich auch davon nicht beirren zu lassen.

Hier geht es zum Interview mit Wolfgang Sacher, einem Rennradkollegen von Michael Teuber, der ebenfalls an den Paralympics in London teilnimmt.

Ilke Wyludda

1996 gewann Ilke Wyludda Gold bei den Olympischen Spielen im Diskuswerfen, seit 2011 arbeitet sie an ihrer paralympischen Karriere. 69,66 Meter warf die Leichtathletin aus Halle/Saale 1996 bei ihrem Triumpf, vier Jahre später wurde sie nochmal Siebte. Danach wurde sie Anästhesistin und hörte auf mit dem Leistungssport – bis zum letzten Jahr. 15 Operationen hatte Wyludda bereits über sich ergehen lassen, Patellasehne, Kreuzband, Achillessehne und so weiter. Im Dezember 2010 musste der heute 43-Jährigen das rechte Bein bis zum Oberschenkel amputiert werden. Eine offene Wunde wurde von Keimen besiedelt, es entwickelte sich eine Blutvergiftung. Doch Ilke Wyludda nimmt es hin, sie könne es eh nicht ändern. Die Hauptsache sei, dass sie noch lebe.

Heute ist die großgewachsene Athletin Kugelstoßerin. Mit dem gleichen Ehrgeiz, mit dem sie früher Erfolge feierte, hat sie um die Teilnahme an den Paralympics in London gekämpft. Erst seit einem Jahr trainiert sie wieder, weswegen Dr. Karl Quade, Chef de Mission der deutschen Mannschaft, die Medaillenchancen für seine Kugelstoßerin relativiert. Sie selbst sieht es ähnlich, ein Erfolg ist es bereits, dabei zu sein. Es sind ihre vierten Olympischen Spiele, elf Jahre nachdem sie ihre Karriere eigentlich schon beendet hatte.

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