COPD und Sport – Experteninterviev mit einem Pneumologen thinkstockphotos.de

COPD und Sport – Experteninterviev mit einem Pneumologen

  • Franziska Tietjen und Nils Borgstedt
Man möchte meinen, dass sich die Lungenerkrankung COPD und Sport gegenseitig ausschließen. Das Gegenteil ist aber der Fall, besagt eine neue Studie. Im Interview erklärt ein Pneumologe, wie Sport die Lebensqualität von COPD-Patienten verbessert.
netzathleten.de: Herr Dr. Krüll, COPD und Sport scheinen auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Warum tun sie es doch?
Dr. Matthias Krüll: Man hat inzwischen erkannt, dass COPD nicht nur eine Lungenerkrankung ist, sondern eine Krankheit, die den gesamten Körper betrifft. Es kommt nicht nur zur Einschränkung der Lungenfunktion, sondern auch zu weiteren Organschädigungen. Man weiß, dass bei COPD auch vermehrt Herzprobleme, Depressionen oder Osteoporose auftreten. Es wurde festgestellt, dass diejenigen, die trotz ihrer Erkrankung sportlich aktiv sind, eine verbesserte Lebensqualität haben.

netzathleten.de: Bei COPD spricht man von verschiedenen Typen. Können Sie diese einmal kurz zusammenfassen?
Dr. Matthias Krüll: COPD ist ein Obergriff für verschiedene Formen, die mit dem Symptom Luftnot einhergehen. Zum einen gibt es die Form, bei der die Atemwege verengt sind, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, die häufig mit Husten und Verschleimung einhergeht. Dann gibt es eine Verlaufsform, bei der es zu Luftnot und Geweberückgang kommt, das Lungenemphysem. Dann gibt es noch verschiedene Schweregrade der COPD, insgesamt vier. Das Problem ist, dass konkrete Beschwerden erst im Stadium zwei oder drei auftreten – bis dahin kompensiert der Körper die Symptome noch gut. Irgendwann kommt dann aber der sogenannte point of no return und dann stellen sich die Patienten beim Pneumologen vor.

netzathleten.de: Was muss ein COPD-Patient beachten, wenn er Sport treibt?
Dr. Matthias Krüll: Das hängt davon ab, in welchem Stadium sich der Patient befindet. In der Anfangsphase – Stadium eins bis zwei – habe ich noch relativ viel Kraft und Ausdauer. In diesem Stadium muss ich sehen, dass ich in Richtung Ausdauer trainiere. Im fortgeschrittenen Stadium muss ich gucken, dass ich Kraft und Muskulatur aufbaue, bevor ich über ein Ausdauertraining nachdenke. In den späteren Stadien ist es außerdem wichtig, ein Atemtraining zu integrieren. Zudem muss ich ein Koordinationstraining und Dehnung einfließen lassen, damit ich die Atemmuskulatur wieder weich bekomme.

netzathleten.de: Sie haben gerade zwei Studien zum Thema COPD und Sport durchgeführt. Was waren die Trainingsbedingungen, welcher Sport wurde betrieben?
Dr. Matthias Krüll: Den Ausgangspunkt der Studie bildeten drei Fragen. Zum einen, ob man durch Sport bei COPD die Lebensqualität verbessern kann. Zum anderen, ob man die Infektanfälligkeit aufgrund der Grunderkrankung verringern kann. Außerdem wollten wir sehen, ob die Patienten durch ein Heimtraining eine Verbesserung erzielen können. Daraufhin haben wir ein sechsmonatiges Trainingsprogramm auf Basis sportwissenschaftlicher Kriterien entwickelt und haben drei Gruppen gebildet. Die erste Gruppe hat aktiv mit unseren Trainern zweimal die Woche eine Stunde trainiert. Die zweite Gruppe hat dasselbe Trainingsprogramm als DVD bekommen – mit der Aufgabe, ebenfalls zweimal pro Woche eine Stunde zu trainieren. Die dritte Gruppe hat nicht trainiert, also keinen Sport betrieben. Wir sind zurzeit noch in der Auswertung, aber erste Erkenntnisse zeigen, dass die aktive Sportgruppe eine deutlich bessere Lebensqualität hatte. Zum Beipsiel weniger Infekte und weniger Komplikationen mit ihren Symptomen als die Gruppe, die keinen Sport getrieben hat. Konkrete Daten zu der Gruppe, die zuhause trainiert hat, sind noch nicht ausgewertet.

netzathleten.de: Tierversuche haben gezeigt, dass es Hoffnung gibt, COPD irgendwann heilen zu können. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Dr. Matthias Krüll: Die Erfahrung hat gezeigt, dass Erkenntnisse, die durch Tierversuche gewonnen werden konnten, nur selten 1:1 auf den Menschen übertragen werden können. Ich bin da nicht sehr optimistisch. COPD ist eine fortschreitende Erkrankung, die von verschiedenen Faktoren abhängig ist. Es gibt Menschen, die eine Veranlagung für diese Krankheit haben. Rauchen ist auch ein großer Risikofaktor. Diese Aspekte hat man im Tierreich zum Beispiel nicht. Von daher bin ich diesbezüglich eher skeptisch.

netzathleten.de: Für 2017 planen Sie einen Lauf, um COPD-Patienten zu motivieren und andere für die Krankheit zu sensibilisieren. Haben Sie diesbezüglich schon ein paar Informationen?
Dr. Matthias Krüll: Den Lauf haben wir bereits in Form eines Pilotprojektes getestet. Nachdem die Studie auslief, haben viele Patienten gesagt, dass sie gern weiter gemeinsam Sport machen würden, weil es ihnen gut getan hat. Da ich Mitorganisator des Berliner Marathons bin, haben meine Kollegen und ich den Patienten die Teilnahme an einer 5x5 Kilometer Staffel organisiert. Sie haben dann weiter mit unseren Trainern trainiert – und es hat geklappt. Einige sind gewalkt, einige sind gejoggt. 2017 möchten wir diesen Lauf dann einer größeren Masse anbieten.

netzathleten.de: Klingt nach einer vielversprechenden Idee. Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Krüll!

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