Der Schicksalsberg – Interview mit Bergsteiger Christian Stangl Archiv Stangl

Der Schicksalsberg – Interview mit Bergsteiger Christian Stangl

Christian Stangl hat sich 2010 etwas geleistet, das ihm viel Ärger und Diskussionen einbrachte: Er hat behauptet den K2 bestiegen zu haben, ohne auf dem Gipfel gewesen zu sein. Wir haben mit dem Bergsteiger gesprochen, der inzwischen die jeweils drei höchsten Berge aller Kontinente bestiegen – natürlich inklusive seines persönlichen Schicksalsbergs K2. Diese Serie hat ihm neben persönlicher Genugtuung mehrere Einträge im Guinness Buch der Rekorde beschert.
netzathleten.de: Du bist Bergsteiger. Aber warum? Was ist das Faszinierende am Bergsteigen für Dich?
Christian Stangl: Puh, da gibt es einiges. Momentan ist es das Abenteuer, das mich am meisten reizt. Ich arbeite auch derzeit wieder an einem Projekt, einem Berg, auf dem sehr lange keiner mehr oben war und bei dem schon das Hinkommen sehr schwierig ist. Da reizt mich das Abenteuer. Kommt man überhaupt noch zu dem Berg? Wie schaut es da oben heute aus? Aber das war bei mir nicht immer so. In früheren Epochen war der Leistungsgedanke vorrangig. Aber der ist inzwischen wieder abgeflaut.

netzathleten.de: Warum?
Christian Stangl: Schon allein biologisch. Mit drei-, vier-, fünfundvierzig habe ich gemerkt, dass ich meine Ultralangzeitausdauer nicht mehr steigern kann. Und dann werden natürlich wieder andere Berge interessanter. Über Jahre war für mich auch das Vermessen unbekannter Berge äußerst interessant. Das hat mir schon irrsinnig gut gefallen. Dazu kommt die wissenschaftliche Komponente und natürlich, dass man zu Bergen kommen muss, deren Namen teilweise nicht einmal bekannt sind oder die sehr selten bestiegen werden. Ich habe es zum Beispiel am Puncak Mandala kennengelernt. Da waren seit der Erstbesteigung 1959 nur acht Leute oben am Gipfel. Und ich war einer von ihnen. Und dann denkt man schon: Das ist geil. Solche Berge sind so abgelegen, dass sie einfach keinen Namen in der Bergsportszene haben.

netzathleten.de: Also ist das Hinkommen manchmal schwieriger als die Besteigung selbst?
Christian Stangl: Doch, auf jeden Fall. Aber die ganze Anreise, der Anmarsch durch den Urwald – das hat irgendwie was.

netzathleten.de: Und was hast Du dann als nächstes Projekt geplant?
Christian Stangl: (Lacht) Das kann ich jetzt eigentlich nicht sagen. Ich war dort vor einem Jahr schon mal, bin aber gescheitert. Und ich probiere es jetzt nochmal, aber von der anderen Seite. Und dann schauen wir, was rauskommt. Ich will da den Mund nicht zu voll nehmen. Es gibt einfach Gebiete, in die kommt man nicht so leicht.

netzathleten.de: Dass Du das Ziel nicht konkret nennst - spielt es auch eine Rolle, dass jemand anders Dir dann vielleicht zuvorkommen könnte?
Christian Stangl: Das könnte schon passieren, ist mir aber eigentlich ziemlich wurscht. (lacht)


netzathleten.de: Das war offensichtlich aber nicht immer so. Du hast ja selbst mit dem enormen Konkurrenzdenken im Bergsport schon einige Erfahrungen gemacht – positiv wie negativ. Auf der einen Seite ein Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde, auf der anderen Seite sagtest Du 2010, Du seist auf dem K2 gewesen, obwohl das nicht stimmte. Was hat Dich damals zu dieser Aussage und dem angeblichen Gipfelbild bewogen, das in Wahrheit unterhalb des Gipfels aufgenommen wurde? Welche Rolle spielte die Konkurrenz dabei?

Christian Stangl: Kennst du inzwischen die ganze Geschichte über die Seven Second Summits, die zweithöchsten Kontinentalgipfel?

netzathleten.de: Es gab und gibt hier eine Fehde zwischen Dir und Hans Kammerlander, der sich auch an den Seven Second Summits versucht hat und sie seiner Aussage nach auch als Erster bestiegen hat, obwohl durchaus Zweifel angesagt sind. Auch Kammerlander zeigte  2010 ein Gipfelbild, das keines war. Aber erst 2012 ging der Fall durch die Presse.
Christian Stangl: Genau. Auch Kammerlander hat dieses Projekt in Angriff genommen und dann auch etwas publiziert, das so nicht ganz stimmt. Da habe ich mir gedacht, wenn ich jetzt schon im Jahr davor (Anm.: Am K2 im Sommer 2009) mal auf 8300m war, könnte man das ja auch gelten lassen. Konkurrenz und Leistungsdruck sind ja stark im Bergsport. Und wenn der eine etwas dazu flunkert, dann tut man es halt auch. Nur bei mir ist eben die Bombe hochgegangen und ich bin seit dem der Böse. Aber damit kann ich gut leben, muss ich eigentlich gut leben. Dann hat sich aber das Guinness Buch in diese Historie eingeschaltet. Ich war davon anfangs gar nicht so begeistert, weil Guinness für mich in der Wertigkeit nicht so hoch stand. Sie wollten aber nun mal die Sache geklärt wissen, und haben also feststellen müssen, dass der Herr Stangl eben der erste Besteiger der Seven Second Summits war. Und das war dann schon irgendwo eine Genugtuung. Ich werde das auch sehr gerne bis an mein Lebensende verbreiten, dass ich der Erste auf den zweithöchsten Kontinentalgipfeln gewesen bin – unter anderem. Für mich war das ja nur Teil des Projekts der Triple Seven Summits – die jeweils drei höchsten Berge aller sieben Kontinente, also 21 Gipfel. Es wird zudem aufgrund irgendwelcher Verhältnisse oft so dargestellt, dass die Alteingesessenen, die schon mit dem Messner unterwegs waren, ganz ehrliche Burschen sein müssten und dass das auch immer so sein muss. Da muss auch der Journalismus etwas fairer werden.

netzathleten.de: Inwiefern?
Christian Stangl: Sie müssten zum Beispiel erkennen, dass der Hans nach wie vor sein Projekt „Seven Second Summits“ nicht abgeschlossen hat und trotzdem verbreitet, er sei der Erste gewesen und Geld damit verdient. Aber das stimmt halt einfach nicht. Aber ich kann natürlich nicht darauf pochen. Ich weiß für mich, ich bin der Einzige, der es tatsächlich gemacht hat und es mittlerweile auch von mehreren Institution bestätigt bekommen hat. Auf der anderen Seite muss ich auch so ehrlich sein und sagen, die Zweithöchsten waren nie mein primäres Ziel. Es war nur ein Teil des Projekts Triple Seven Summits.

netzathleten.de: Das hast Du ja inzwischen auch abgeschlossen. Worum ging es dabei genau? Es gibt ja immer wieder mal Verwirrungen.
Christian Stangl: Dabei geht es um die höchsten drei Berge eines jeden Kontinents, also insgesamt 21 Berge, nicht nur um die jeweils dritthöchsten. In Wirklichkeit habe ich aber sogar 30 Gipfel gemacht, um wirklich alle geographischen Fehler zu vermeiden. Und das war mein Projekt. Das Interessante daran war, dass keiner genau wusste, welche Berge überhaupt alle dazugehören. Das hat es für mich noch spannender gemacht. Bei den 14 Achttausendern weiß jeder, ok diese 14 Berge muss ich besteigen. Aber bei den dritthöchsten war das eben nicht so eindeutig. Da habe ich mir gedacht: Geile G’schicht. Dann vermesse ich sie einfach.


netzathleten.de: Nochmal zurück zur Geschichte 2010. Wie ist es Dir direkt danach gegangen, nachdem Du zugeben musstest, dass Du geflunkert hattest, und dass das vielleicht nicht so geschickt war.
Christian Stangl: Ja, das war schon nicht so geil. Aber dann habe ich mir gedacht, wenn ich irgendwann die Triple Seven Summits fertig habe – auch wenn ich dieses Ziel damals nie publiziert habe und es für mich behalten wollte – was mach ich dann. Dann liegt dieser Vorwurf, ich hätte den K2 nicht geschafft, immer in der Luft. Also habe ich mich entschlossen, dass ich zugebe, nicht oben gewesen zu sein. In der Öffentlichkeit hat der Spuk etwa drei Wochen gedauert, für mich aber natürlich viel länger. Es hat Monate gebraucht, bis ich das Ganze einigermaßen überwunden hatte und schließlich zwei Jahre, bis ich wirklich auf dem K2 war. Davor bin ich insgesamt fünf Jahre zum K2 gepilgert, wie ein Idiot. Und dann hat es aber schließlich wirklich funktioniert. Ich habe zuvor aber wirklich lange mit mir gehadert. Ich wollte die Bergsteigerei sogar schon aufgeben, weil ich mir gedacht habe, wohin treibt dich eigentlich dieser Wettbewerbsalpinismus? Immer muss man der erste sein. Und die einen dürfen flunkern, du darfst es nicht. Die Medien berichten über dich, wie sie lustig sind oder wie sympathisch du ihnen bist. Da habe ich mir gedacht, es ist eh sinnlos. Letztendlich habe ich aber den Entschluss gefasst, ich muss für mich das Projekt fertigstellen, sonst habe ich keinen Seelenfrieden.

netzathleten.de: Welche Auswirkungen hatte diese Geschichte auf Dein Umfeld?
Christian Stangl: Ich habe natürlich Sponsoren verloren, weniger Kohle gehabt. Und ich habe dann andere Sachen weglassen müssen, unter anderem das Marketing. Ich hatte 2013, genau am Ende des Projekts keine PR Agentur mehr hinter mir, welche die Story von den abgeschlossenen Triple Seven Summits für mich gepusht hätte. Das hat mir auch deutlich gezeigt, wie viel Einfluss Marketing hat. Aber für mich selbst bleibt: Ich habe das Projekt abgeschlossen, habe damit zugleich drei alpine Pioniertaten, Klammer auf, Rekorde, Klammer zu, gebrochen. Und das ist Fakt. Und ich bin der Einzige von 7 Milliarden Menschen, der die Triple Seven gemacht hat. Das hat für mich schon etwas. Die 14 Achttausender beispielsweise hätten mich nie interessiert. Viele haben mich gefragt, ob ich das nicht in Angriff nehmen will; schon vor Jahren. Aber ich habe gesagt, nein, das ist dem Messner seine Geschichte, der das ohne Sauerstoff schon gemacht und damit ist das erledigt.

netzathleten.de: Inwieweit hat die K2-Geschichte Dein weiteres Vorgehen geprägt? Welche Lehren hast Du daraus gezogen?
Christian Stangl: Klar, zum einen, musste ich natürlich jeden Gipfelerfolg absolut wasserdicht belegen. Es werden immer wieder Gerüchte gestreut, dass man doch nicht am höchsten Punkt war, auch von Kollegen, die mit einem die Besteigung gemacht haben. Das muss man dann natürlich entkräften können. Die Konkurrenz ist einfach hart.

netzathleten.de: Immer wieder sprichst Du die Konkurrenz an. Wieso ist das krasse Konkurrenzdenken im Bergsport so verbreitet?
Christian Stangl: Ich würde das gar nicht auf den Bergsport begrenzen. Ich denke, die Konkurrenz ist allgemein ist in der Gesellschaft einfach härter geworden. Da kann man jeden normalen Arbeitsplatz nehmen. Wenn die Frage aufkommt, ob vielleicht Stellen abgebaut werden, dann wird gemobbt, dann schaut jeder, dass er nicht unter denen ist, die unter die Räder kommen. Und im Alpinismus ist es ähnlich. Der Leistungsgedanke ist da, auch wenn das viele jetzt vielleicht dementieren. Aber es geht eben schon um Leistung. Und wenn du nicht der Erste bist, sondern Nummer 85, der irgendwas macht, dann ist das relativ uninteressant und bleibt auch nicht im Gedächtnis. Es wird häufig vieles beschönigt und gesagt, es ginge im Alpinismus nicht nur um Leistung. Ich glaube aber, da wird häufig in den nostalgischen Alpinismus abgeglitten und behauptet, es ginge um die Schönheit und das Empfinden in den Bergen. Das mag auch durchaus so sein. Ich kenne das von mir selbst auch. Ich gehe ja schließlich auch bei mir daheim in die Berge und genieße das. Aber in einem professionellen Alpinismus musst du irgendwann ein Produkt vorlegen.


netzathleten.de: Geld regiert also auch im Alpinismus.

Christian Stangl: Wenn man es ganz hart ausdrücken möchte, könnte ich das gelten lassen. Es ist schon ein Traum, ein Produkt zu haben, mit dem man am Markt teilhaben kann.

netzathleten.de: Geht damit und folglich auch mit der Abhängigkeit von Sponsoren nicht auch der „romantische“ Alpinismus kaputt?
Christian Stangl: Ich war lange Zeit Berufsbergsteiger. Und natürlich ist man da abhängig. Und man muss immer schauen – wie jeder Selbstständige auch –, dass seine eigenen Produkte interessant bleiben und sich verkaufen lassen. Wenn man aber nicht davon leben muss, dann kann man durchaus die Romantik des Bergsteigens noch erleben. Mir selbst ist es bei meinen letzten Expeditionen mit der Vermessung der Berge so ergangen, dass ich es sehr spannend fand, nachzuempfinden, wie es den Bergpionieren gegangen sein muss. Die sind auch zu unbekannten Bergen gekommen, haben diese vermessen, Bleistiftskizzen angefertigt und so weiter. Das war für mich toll, das so zu erleben.

Christian Stangl hat seine Erfahrungen rund um das Projekt Triple Seven Summits in einem Buch niedergeschrieben. „Ohne Ghostwriter, eineinhalb Jahre lang, in eigenen Worten“, wie er betont. „Dann war das Projekt wirklich fertig. Klar nimmt der K2 dabei umfangsmäßig den größten Raum ein und das mit Recht. Die Quintessenz der ganzen Triple Seven Summits Historie aber war „Gib niemals auf“, der Erfolg nach dem tiefen Fall.“, erklärt er.

Steckbrief zum Buch

Christian Stangl
Gib niemals auf - Vom K2-Skandal zum Erfolg auf den Triple Seven Summits
Schall-Verlag
ISBN 978-3-900533-80-9

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Video von Christian Stangl am K2

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