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Interview Marc Verstegen – Ich bin Deutschlandfan

  • Nils Borgstedt
Mark Verstegen und sein Team haben auch dieses Jahr die deutsche Nationalmannschaft fit für das Turnier gemacht. Dass es leider gestern trotzdem nicht gereicht hat, lag sicherlich nicht an der fehlenden körperlichen Verfassung der Spieler. Bereits kurz vor dem Halbfinale gegen Italien haben wir mit Mark Verstegen darüber gesprochen, wie es ist, wenn man Spieler verschiedender Vereine in Form bringen muss.

Netzathleten: Mark, du bist einer der Fitnesstrainer der deutschen Nationalmannschaft. Wie schwer ist es, die Spieler, die in ihren Vereinen unterschiedlich trainieren, auf ein Fitnesslevel zu bringen?
Mark Verstegen: Es ist immer eine große Herausforderung mit Nationalmannschaften zu arbeiten. Man muss sofort sehr genau wissen, wo die Spieler leistungsmäßig stehen, wenn sie ins Camp kommen. Dann muss man sofort einen individuellen Plan für jeden entwickeln, damit man sie effektiv auf ein Level bringen kann. Aber um das umsetzen zu können, müssen alle Spieler gleichzeitig im Camp ankommen, alle müssen an einem Strang ziehen und jeder Spieler muss individuell betreut werden. So bringen wir sie auf das Niveau, auf dem sie sein müssen.

Um Erfolg zu haben, muss eine Voraussetzung gegeben sein, und das habe ich schon zu Beginn meiner Arbeit 2004 gesagt: Alle Physios und Trainer müssen zusammen für die Spieler arbeiten, und ich arbeite mit der Nationalmannschaft. Und inzwischen ist die Zusammenarbeit richtig klasse.

Sei es mit Oliver Bartlett von Borussia Dortmund (Bartlett war bis Ende der Saison 2011/12 Athletik- und Fitnesstrainer bei Borussia Dortmund, von 2008 bis 2010 auch beim DFB in Diensten, Anm. d. Red.) oder auch mit den Trainern beim FC Bayern. Der Austausch zwischen den Vereinen, den Spielern und uns ist großartig. Und das hilft ungemein. Wir stehen das ganze Jahr über in Kontakt. Dabei macht Shad Forsythe einen hervorragenden Job. Er ist bei Clubs in ganz Europa und natürlich der Bundesliga unterwegs und besucht dort die Spieler, auch um sicherzustellen, dass wir immer mit ihren Trainern in Kontakt stehen.
Dadurch ist die Arbeit jetzt auch für uns viel einfacher als 2004.

Netzathleten: Gebt ihr den Spielern also auch Fitnesspläne mit auf den Weg?
Mark Verstegen: Ja, natürlich, sobald sie im Camp ankommen, bekommen sie einen Plan. Und wenn sie das Camp wieder verlassen, stimmen wir uns mit Thomas Wilhelmi oder Marcelo Martins (beide Fitness- und Rehatrainer FC Bayern München, Anm. d. Red.) und all den anderen Trainern über das ganze Jahr hinweg ab. Es ist toll. Großartiges Teamwork.

Netzathleten: Ihr habt in der Regel vor einem Turnier nur drei oder vier Wochen Zeit, um die Mannschaft fit zu bekommen. Das ist wenig Zeit…
Mark Verstegen: Extrem wenig Zeit. Und darum müssen wir umgehend Pläne für jeden Spieler erstellen. Aber nicht erst, wenn sie in das Camp kommen. Diese Pläne sind auf zwei Jahre ausgelegt. Und jedes Mal, wenn die Spieler dann zu uns kommen, wissen wir in allen Punkten ziemlich gut, wo sie stehen: Ernährung, Bewegung, Erholung, Pläne, was machen sie in ihren Clubs? Wenn sie also ins Camp kommen, ist das nicht so, als träfen wir sie zum ersten Mal. Sie trainieren schon nach unserem System und wir versuchen dann, die letzten Prozentpunkte herauszukitzeln. Und unter der Leitung von Jogi Löw herrschen dafür super Bedingungen.

Netzathleten: Worauf liegt der Focus in der Vorbereitung auf eine EM oder WM?
Mark Verstegen: Wir fokussieren uns vor allem auf das Individuum, die Spieler im Camp und die Anforderungen für ihre jeweilige Position, das Spielerprofil. Dann versuchen wir den Spielern und diese Anforderungen so gut und so schnell wie irgend möglich aufeinander abzustimmen.

Dabei muss man immer beachten, dass jeder Spieler unterschiedlich viel Spielzeit während einer Saison hatte, manche sind gesund, andere verletzt. Das alles beeinflusst den individuellen Trainingsplan. Das wichtigste ist aber, dass die Spieler zu einer tollen Teamkultur kommen und es lieben dort zu sein. Und sie müssen Spaß an dem haben, was sie tun, wenn sie ihre Fähigkeiten verbessern.

Netzathleten: Welches Körperteil, abgesehen von den Beinen, ist das wichtigste für einen Fußballer?
Mark Verstegen: Sein Kopf.

Netzathleten: Das überrascht mich ein wenig. Ich hätte gedacht, du würdest Core sagen, also der Rumpf.
Mark Verstegen: Nein, es ist der Kopf. Es geht immer bei der Einstellung los. Und wenn man sichergeht, dass ein Spieler vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen den richtigen Plan hat, beeinflusst das 90 Prozent seiner Entscheidungen. Und wir müssen sicherstellen, dass die Software, also der Kopf, ein gut funktionierendes System zur Verfügung hat. Ist das der Fall, arbeitet der Körper einfach fantastisch.

Wenn ich mich für eine Körperregion entscheiden müsste, würde ich die Säule aus Schultern, Torso und Hüfte wichtigsten Bereich nennen.

Netzathleten: Mark, nachdem du ja auch Teil des Teams bist, bist du inzwischen schon ein Deutschlandfan?
Mark Verstegen: Absolut. Ich fühle mich sehr geehrt ein Teil des Teams zu sein, gemeinsam mit den anderen 63 Leuten, die das Team bilden. Und wenn ich die Spiele anschaue, dann freue ich mich wahnsinnig. Aber nicht nur für die Mannschaft, sondern gerade in sehr besonderen Momenten auch für den Spieler selbst, etwa als Lars (Bender, Anm. d. Red.) sein erstes Tor geschossen hat. Es war außerdem toll zu sehen, wie Miro (Kolse, Anm. d. Red.) und Philipp Lahm diesen speziellen Moment gefeiert haben. Sie haben sich nicht nur für das Team sondern auch für den Spieler selbst, einen der nächsten Generation, gefreut. Es sind einfach großartige Menschen hier. Und das macht es für mich noch besonderer.

Netzathleten: Holt ihr euch auch Tipps beispielsweise bei Barcelona oder der spanischen Nationalmannschaft und schaut, was sie machen, um ihre Spieler fit zu bekommen?
Mark Verstegen: Athlete’s Performance ist ein weltweites Unternehmen und wir gucken weltweit nach den besten Methoden, überall. Ich habe ja auch schon gesagt, dass Shad durch Europa tourt und Beziehungen zu allen Teams hat. Und natürlich lernen wir von anderen, sei es in der Bundesliga, in der Premier League, der spanischen Liga, Japan, China, Argentinien, Australien, Amerika und so weiter.

Netzathleten: Was hat Spanien dann besser gemacht als Deutschland. Die letzten beiden Turniere konnten sie beide gewinnen und haben jeweils Deutschland geschlagen.
Mark Verstegen: Ich denke Spanien hat bei der langfristigen Entwicklung der Spieler einen top Job gemacht. Die Spieler derzeit sind außergewöhnlich, sie treten als Team auf, ähnlich wie wir es in Deutschland haben. Ich denke, dass wir gerade eine besondere Epoche im spanischen Fußball erleben, das ist toll. Gleiches gilt für Deutschland. Auch der deutsche Fußball erlebt gerade eine besondere Zeit. Unser Vorteil ist die kommende Generation. Die Markos, die Andres, das sind sehr spezielle Spieler, die da in der nächsten Generation nachkommen. Die Zukunft sieht gut aus, für Germany.

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