Mobilität vor Kraft – das Bewegungskonzept five thinkstockphotos.com

Mobilität vor Kraft – das Bewegungskonzept five

Neben Kraft und Ausdauer ist Mobilität die dritte Säule einer schmerzfreien und gesunden Bewegung. Genau diese steht beim five Konzept im Vordergrund.
Viele, vor allem ältere Trainingskonzepte richten sich an einzelne Muskeln oder Muskelgruppen – hierzu zählen auch etwa geführte Bewegungen an Maschinen. „Etwas, das unsere Herangehensweise von vielen gängigen Modellen unterscheidet, ist die Ansprache von Muskelketten“, erklärt Wolf Harwath, der gemeinsam mit Lutz Kruger und Christoph Limberger das five Konzept auf die Beine gestellt hat.

„Darüber hinaus arbeiten wir ganz explizit mit Extension, also beispielsweise auch der Aufrichtung ins Hohlkreuz.“ Die Idee dahinter klingt einleuchtend. Unser Alltag wird dominiert von nach vorne gebeugten und sitzenden Positionen – wir sitzen im Büro, wir sitzen im Auto, wir sitzen auf dem Sofa (Interessant: Ein Protokoll des Sitzens). Entsprechend wird die vordere Muskulatur selten gestreckt. Hier setzt das Konzept an. „Wir wollen eben genau diese Muskeln mal wieder auf Länge bringen. Und dabei arbeiten wir nicht mit isolierten Muskeln sondern in Muskelketten und wollen so eben auch beim Fasziensystem eine Wirkung erzielen“, beschreibt der Physiotherapeut seinen Ansatz.

Mobilität kommt immer vor Kraft

Sit-Ups, Planks – das sind Übungen, die im five concept nicht vorkommen. Auch die vielfach propagierte Core-Stability sieht Howath nicht uneingeschränkt positiv. „Allgemein wird in meinen Augen zu viel Wert auf die Core-Stability gelegt. Mobilität ist in diesem Bereich ist wichtiger, genauso wie ein ausgeglichenes Spannungsverhältnis“, erklärt er und ergänzt: „Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind und ich gesund bin, kann ich auch in Maßen Bauchmuskeltraining machen. Um Stabilität richtig hinzukriegen, brauche ich aber immer eine gesunde Mobilität als Voraussetzung. Mobilität kommt also für mich immer vor Kraft und Stabilität.“

Dennoch sehen die Entwickler selbst ihr Trainingskonzept nur als sinnvolle Ergänzung. „Es ist wie ein weiteres Werkzeug im Werkzeugkasten und richtet sich mit der Mobilität eben an eine Säule des Trainings, die bisher häufig vernachlässigt wurde.“ Dass daneben auch weitere Trainingsformen wie Gleichgewichtstraining oder Faszientraining mit der Faszienrolle ihre Berechtigung und ihren Sinn haben, steht für Harwath außer Frage.

Inspirationen und Denkanstöße

Ganz neu ist diese Herangehensweise freilich nicht. Parallelen findet man beispielsweise bei Grey Cooks Performance Pyramide und der Arzt und Athletiktrainer Dr. Dr. Homayun Gharavi verfolgt ebenfalls ähnliche Ansätze (vgl. Stabi-Training als Gift bei Rückenschmerzen). Übungen des Konzepts laufen einem auch beim Yoga über den Weg. Grundlage der Überlegungen zum five Konzept ist das Prinzip der Biokinematik, das vom Allgemeinmediziner Dr. Walter Packi entwickelt wurde (Interessant: Was steckt hinter Biokinematik?). Ziel dieser Herangehensweise zur Schmerztherapie ist es, die Muskulatur wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, damit sich der Körper anschließend wieder in seinen natürlichen Bewegungsbahnen fortbewegen kann. Schmerzen sollen dadurch automatisch wieder zurückgehen. „Dr. Packi hat im Grunde die Zusammenhänge der Kräfteverhältnisse im Körper neu definiert, erklärt, wie Muskelketten zusammenhängen und welche Probleme Überspannungen im Körper in bestimmten Bereichen mit sich bringen“, führt Harwath aus. „Er hat uns ein wenig die Augen geöffnet, dass Beweglichkeit die größere Rolle spielt, wenn es um Schmerzproblematiken geht.“

Während Dr. Packi aber komplett ohne Geräte gearbeitet hat, haben die Entwickler des five Konzepts um Harwath Geräte entwickelt, die dem Trainierenden Hilfestellung beim Ausführen der Übungen geben. „Dass wir das Ganze zu einem Gerätekonzept weiterentwickelt haben, war dann letztendlich unser Input zu der ganzen Geschichte“, berichtet Harwath. Bei freien Übungen läuft man immer Gefahr genau an den Punkten auszuweichen, an denen man das Problem hat. Mit Hilfe der Geräte soll das verhindert werden. „Nach einer Einweisung haben die Leute dann zudem die Möglichkeit auch ohne Trainer effektiv an der gewünschten Mobilität zu arbeiten.“

Kontraindikationen

Ein solches Mobilitätstraining ist im Grunde für jedermann geeignet – und das auch schon präventiv. Das Training selbst, sein ein relativ sicheres Training und sei nach einer Einweisung auch relativ gefahrlos alleine durchzuführen. „Ein Restrisiko besteht aber natürlich, wie bei jedem anderen Training auch“, sagt der Experte.  „Auch typische Kontraindikationen gibt es, allerdings nur sehr wenige. Bei manchen Vorerkrankungen kann man bestimmte Geräte nicht nutzen, das muss man immer individuell und mit therapeutischem Verstand abklären. Offensichtlicher wäre aber beispielsweise eine versteifte Wirbelsäule. In diesem Bereich will man dann ja auch entsprechend keine Mobilität haben.“

Die five-Geräte finden sich inzwischen in zahlreichen Physiotherapie-Praxen und auch ausgewählte Fitnessstudios bieten ein Training nach dem five Konzept an.

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