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Schanzenalltag – Eric Frenzels Kolumne

  • geschrieben von  Eric Frenzel
Eric Frenzel berichtet in seiner aktuellen Kolumne über die derzeitige Feinarbeit im Skisprungtraining.
Der Wind fegt die Blätter von den Bäumen, leichtes Nieseln, der Himmel grau in grau. Die Busse des deutschen Skiverbandes haben uns frühmorgens mit Trainern und Technikern an den Schanzenauslauf gefahren. Außer uns ist kein Mensch hier; zwei Rehe am Waldrand recken neugierig die Hälse. Der Oktober ist der Monat für die Feinarbeit beim Skispringen: Die Grundlage für alle Automatisierungen hinsichtlich des Bewegungsablaufs beim Springen wird in diesen Wochen gelegt und wir versuchen, mit dem Team wochenweise unterschiedliche Schanzen zu bespringen.

Einerseits dient das intensive Schanzentraining dem Test der ausgewählten Materialien, also Skier, Schuhe und Anzug. Andererseits geht es um die Perfektionierung von Anfahrtshocke, Absprung und Flugkurve. Nachdem wir uns in den Umkleidekabinen umgezogen haben, schultern wir die Skier und gehen die Treppe hinauf zum Schanzenturm. Die Stimmung ist ruhig, wenige Worte fallen, alle nehmen diese Tests so ernst, wie sie genommen werden müssen. Es gilt, in Zusammenarbeit mit den Trainern und Videoanalysten den „besten Sprung“ zu entwickeln.

Die Trainingsarbeit ist flankiert von neuester Technik, die man natürlich auch als Instrument handhaben können muss; wir alle sind mittlerweile regelrechte Analysefreaks. Kleinigkeiten entscheiden heute über Gold, Silber und Bronze – und an einem solchen Trainingstag suchen wir nach eben solchen Kleinigkeiten, die uns besser machen können. Der Vormittag hat dadurch seinen eigenen Ablauf: Sprung-Analyse-Aufstieg, Sprung-Analyse-Aufstieg.
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Dabei verzahnen sich Diagnose und Therapie. Wie bei einem Formel-1-Training, gehe ich nach dem Sprung in die Kabine vor den Laptop und schaue mir an, mit welchen Hockformen die Anfahrtsgeschwindigkeiten in der Anlaufspur korrespondieren, um dann in der Expertenrunde Rückschlüsse auf die „richtige“ Hocke zu ziehen. Ist diese gefunden, switchen wir mit unseren Analysen zum Absprung und später zum Sprung selbst. Jedes Detail wird im Hinblick auf seine Auswirkung untersucht: Liegt der Arm während des Flugs gut an? Ist das Schenkel-V weit genug gespreizt? Welchen Winkel benötigt man während des Sprungs zwischen Körper und Ski?

Gegen Mittag zeigt der Himmel erste blaue Flecken und die Sonne bricht vereinzelt durch. Vier Trainingssprünge am Vormittag einschließlich intensiver Auswertungen liegen hinter mir, als der Appetit sich langsam einstellt. Das Equipment wird wieder im Bus verstaut und wir kehren zum Hotel zurück. Nach einer kleinen Mittagspause mit Essen und Ruhen, geht es nochmal an die Schanze, die Erkenntnisse vom Vormittag wollen umgesetzt sein.
Am Abend sitzen wir gemütlich zusammen, Tischfußball, Karten spielen mit den Mannschaftskameraden. Gegen 22 Uhr ist Bettruhe angesagt, Kraft tanken für die Konzentration, die man benötigt, für den nächsten Schanzenalltag.

Herzlichst
Eric Frenzel
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