Bereicherung oder Inszenierung - Immer mehr TV-Experten im Sport gettyimages.de

Bereicherung oder Inszenierung - Immer mehr TV-Experten im Sport

  • geschrieben von  Redaktion
Seine Magisterarbeit schrieb der sportbegeisterte Dr. Daniel Nölleke über „ehemalige Sportler als Experten in der TV-Sportberichterstattung“. Seine Dissertation trug den Titel "Experten im Journalismus. Systemtheoretischer Entwurf und empirische Bestandsaufnahme". Heute arbeitet der 37 Jahre alte Kommunikationswissenschaftler an der Uni Münster. Die rasante, bisweilen schon inflationäre Entwicklung der ehemals sportlich selbst hochklassigen TV-Experten verfolgt er mit großem Interesse. Denn: Nicht jeder TV-Experte bringt so viel mit für den Job, wie es der erwiesenermaßen fernsehtaugliche und seriös-direkte Sky-Neuzugang Heribert Bruchhagen voraussichtlich tun wird. Anlass für ein kritisches Gespräch.
Herr Dr. Nölleke, Sie haben auf diesem Gebiet jahrelang recherchiert und geforscht: Was motiviert – private, aber inzwischen auch die öffentlich-rechtlichen – Fernsehsender und gelernte TV-Sportjournalisten, immer mehr ehemalige Spitzensportler als sogenannte Experten hinzuzuholen?

Zunächst einmal ein simpler wie legitimer Pragmatismus. Für die TV-Teams geht es insbesondere bei großen Events aufgrund der beträchtlichen Sende-Zeitfenster schlicht darum, diese mit Inhalt auszufüllen. Inhalt, der möglichst fundiert ist und einen Mehrwert für den Zuschauer bietet. Dies wird aus Sicht der Verantwortlichen gewährleistet, wenn man sich Unterstützung von Leuten holt, die als legitime Experten wahrgenommen werden, die aufgrund ihrer Erfahrung im Sport Insiderwissen mitbringen.

Teilen Sie diesen Ansatz der Fernsehmacher?

Das ist eine Legitimation, durchaus. Es ist nachvollziehbar, dass man sich Verstärkung sucht, die aus erster Hand berichten kann, aus der eigenen Erfahrung und die ein Gespür für Geschehnisse und Emotionen im Sport hat. Glaubwürdigkeit, Authentizität und fachliche Nähe – das sind Eigenschaften, die eher Experten zugeschrieben werden, die selbst erfolgreiche Sportler waren, als den TV-Journalisten. Man mag verstehen, wenn das mitunter kritisch betrachtet wird. Wenn es heißt, die Moderatoren und Reporter müssten doch bitte selbst über ausreichend Expertise verfügen. Das fällt insbesondere dann auf, wenn der ein- oder andere Experte den Erkenntniswert kaum zu erhöhen scheint. Dann stellt sich natürlich die Frage: Was erreicht man beim Zuschauer damit?

Sinnvolle Ergänzung oder sogar Bereicherung – oder unnütze Inszenierung: Viel hängt also vom Experten selbst ab?

Natürlich. Es ist ja heutzutage auch nicht leicht für die Ex-Sportler, unbequeme Dinge zu äußern, harsche Kritik zu üben. Das zieht ja schnell den Vorwurf der Nestbeschmutzung und Respektlosigkeit nach sich. Deshalb geht es häufig auch eher um nette Anekdoten und Stories aus der Vergangenheit, die sich teilweise auf die Gegenwart beziehen lassen, als darum, Leistungen zu kritisieren. Klartext – das ist nicht so einfach. Die oder der eine traut es sich, andere eben nicht. Und noch ein Satz zum Thema ‚Inszenierung’: Es geht natürlich immer auch um die Markenbildung, um Glamour und Positionierung. Das Duo Opdenhövel/Scholl, oder Welke/Kahn – das sind als Teams ja auch längst Marken für die Sender.

Also ist der PR-Faktor auch zu beachten.

Ja. Die Ex-Sportler sind – wenn sie sich mal aus der Deckung wagen – natürlich zitabler für Agenturmeldungen, Nachberichterstattung mit Quellenangabe usw. – wenn Oliver Kahn, der sich übrigens aus meiner Sicht in seiner TV-Rolle positiv entwickelt hat, als Bayern-Ikone und ehemaliger Weltklasse-Keeper Kritik übt oder wenn der ehemalige Münchner Publikumsliebling und Europameister von 1996, Mehmet Scholl, mit seinen Aussagen den DFB-Trainerstab provoziert, hat das mehr Punch als wenn Oliver Welke oder Matthias Opdenhövel das tun. Das ist dann viel griffiger. Hat viel mehr Außenwirkung. Und: Wenn Sport-Promis bei TV-Sendern anheuern, ist die Verkündung dessen ja fast schon ein festlicher Akt. Womit wir wieder bei der Markenbildung wären.

Müssten alle Experten journalistisch geschult werden?

Zunächst einmal: Sie werden sicher sehr intensiv gecastet. Eine Sondierung, wer bildschirm-kompatibel ist und wer nicht, findet schon statt. Ein großer Name allein, ein Original zu sein, reicht nicht. Es gehört schon mehr dazu. Die Ex-Sportler schlüpfen ja schon in eine neue Rolle. Aber eine fundierte, journalistische Ausbildung, um als Experte zum Einsatz zu kommen, als Side-Kick quasi – nein, die ist weder nötig aus meiner Sicht, noch findet sie statt. Es sei denn, jemand wie Thomas Helmer wechselt komplett in dieses Genre.

Ist es nicht auch eine Herausforderung, das Fachwissen verständlich genug rüberzubringen, ohne zu sehr ins Fachspezifische abzudriften und die Zuschauer damit zu überfordern?

Ja. Vor allem abseits des Fußballs, bei den sogenannten Randsportarten, ist das Publikum oft sehr gut informiert – oder kommt sogar selbst aus der jeweiligen Szene: Handball, Basketball, Eishockey, Skispringen, Ski-Alpin ... Denen könnte man durchaus mehr Know-How, mehr Details ‚zumuten’. Experten wollen ja auch belegen, warum sie Experten sind. Aber die breitere Masse wird mit zu viel Fachkenntnis und Insider-Input vermutlich nicht mehr abgeholt. Für die darf und muss es sogar oberflächlicher bleiben. Ein ziemlicher Spagat, beiden Erwartungshaltungen – und dem eigenen Anspruch noch dazu – gerecht zu werden.

Man kann immer größer werdende Expertenrunden rund um eine Übertragung – insbesondere beim Fußball – feststellen. Ein Trend?

Die Talkrunden anlässlich von Live-Übertragungen sind ja in den USA schon seit Jahrzehnten Tradition – und hierzulande bei Sky beispielsweise auch längst ein vertrautes Format. Dass aber die Öffentlich-Rechtlichen nachziehen, ist ein jüngerer, wenn auch unverkennbarer Trend. Vor allem bei den großen Events.

Werden die amerikanischen Formate nur kopiert?

Als Wissenschaftler bin ich mit dem Begriff der ‚Kopie‘ vorsichtig. Ich denke, dass die deutschen Formate mit Sicherheit von amerikanischen Vorbildern inspiriert sind. Dennoch entwickeln sie in der deutschen Fernsehlandschaft ihren ganz spezifischen Stil. Wie bei anderen Entwicklungen – beispielsweise in der Wahlkampfkommunikation – halte ich es für sinnvoller, von einer ‚Modernisierung‘ als von einer ‚Amerikanisierung‘ zu sprechen.

Verwässern – zu – viele Experten die Sendungen?

nöllekeIch bin zumindest der Meinung, dass Sendungen nicht zwangsläufig besser werden, je größer die Runde wird. Letztlich ist das aber Geschmackssache. Was ich mich als interessierter Zuschauer aber schon frage: Wird der ‚Haus’-Experte, nehmen wir nur als Beispiel mal Oliver Kahn, nicht entwertet, wenn neben seinen Kommentaren, seiner Expertise, noch drei, vier andere Meinungen angeboten werden? Ich halte es für sinnvoll, wenn punktuell Experten mit einer spezifischen Expertise zu einem Gegner etc. zu Wort kommen. Aber welche Rolle hat Oliver Kahn, wenn man ihm im ZDF mit Holger Stanislawski dauerhaft einen weiteren Experten zur Seite stellt, der das Spiel am Taktikscreen entschlüsselt? Ich glaube, dass es auch für den Zuschauer wichtig ist, einen Experten als Instanz wahrnehmen zu können. Und entwertet man nicht die eine Instanz, wenn man neben ihr viele weitere auftreten lässt?






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