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Trainingsweltmeister – Leistungsabfall im Wettkampf

  • geschrieben von  jens heuer
Training und Wettkampf sind zwei Paar Schuhe. Der eine oder andere Sportler hat diese bittere Erkenntnis schon einmal gemacht. Wenn es darauf ankommt, kann er sein Potenzial einfach nicht ausschöpfen. In solchen Fällen macht das Wort „Trainingsweltmeister“ oft die Runde.

Man kann Sportarten nur sehr schlecht miteinander vergleichen. Und doch gibt es fast überall den Typ Sportler, dem viele ein außergewöhnliches Potenzial nachsagen, der es aber im Ernstfall nur sehr selten abrufen kann. Häufig zu beobachten war dieses Phänomen etwa beim Skispringen, zu Zeiten, als TV-Sender nicht nur die Wettkampfsprünge, sondern auch den Probedurchgang live in die Wohnzimmer gesendet haben. Das immer wiederkehrende Szenario war Folgendes: Springer XY gelingt bei der Generalprobe ein außerordentlich guter Sprung. Ist er dann im Wettkampf dran, landet er erstaunlich früh und scheidet aus. Passiert ihm dies mehrfach, wird er irgendwann als „Trainingsweltmeister“ abgestempelt.

Keine voreiligen Schlüsse ziehen


Doch dieses Urteil wird häufig vorschnell und teilweise auch zu Unrecht gefällt. „Bevor man vom Phänomen des Trainingsweltmeisters spricht, sollte man zunächst abklären, ob überhaupt ein psychologisches Problem die Ursache für einen Leistungsabfall im Wettkampf ist“, sagt Sportpsychologe Jens Heuer.

Negative Denkweise oder Nervosität


„Man kann erst dann vom Trainingsweltmeister sprechen, wenn dieses Problem wiederholt auftritt. Häufig sind Zweifel und Ängste die Ursache. Jeder Leistungssportler schätzt bewusst oder unbewusst ein, wie groß seine Chancen sind, sein Wettkampfziel zu erreichen. Setzt er sich hiermit nicht schon in der Vorbereitung auseinander, besteht die Gefahr, dass diese unbewussten Gefühle während des Wettkampfs kommen und erst dann bezüglich der Chancen zur Zielerreichung negative Emotionen auslösen“, fährt Heuer fort.



Zum anderen können Selbstzweifel ausgelöst werden, wenn die eigene körperliche Erregung negativ gedeutet wird. Die Ungewissheit jeden Wettkampfausganges ist real und führt häufig zu deutlich erhöhten Herzfrequenzen und körperlich spürbaren Anspannungssymptomen. Diese drohen aber erst leistungsmindernd zu wirken, wenn sie vom Sportler als leistungshemmende Nervosität interpretiert werden.


Auf eine positive Weise interpretiert wird der Druck von den Wettkampftypen (noch so eine Stereotype). Sie fühlen sich etwa durch großes Publikum beflügelt und können im Wettkampf immer noch etwas zulegen. „Usain Bolt ist ein gutes Beispiel für einen Wettkampftypen. Auf der anderen Seite muss man allerdings auch sagen, dass sein Wissen um die eigene Stärke ihn vermutlich derart beruhigt, dass er gar nicht erst so etwas wie negative Nervosität verspürt. Generell ist es jedoch so, dass Wettkampftypen sich eher nicht mit einem Thema wie Druck auseinandersetzen“, erklärt Jens Heuer.

Vom Trainingsweltmeister zum Wettkampftypen?


Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Athlet zwangsläufig bis in alle Ewigkeit entweder zu der einen oder der anderen Gruppe gehören muss. Wer im Wettkampf regelmäßig schwächelt, kann durchaus auch im täglichen Training etwas dagegen unternehmen. So rät Sportpsychologe Heuer dazu, regelmäßig wettkampfnah zu trainieren: „Im Wettkampf ist vieles anders als im Training, wo man das Umfeld kennt und von Vertrauten umgeben ist. Daher sollte man hin und wieder gezielt unangenehme Situationen schaffen, etwa, indem man Einmaligkeitssituationen trainiert und Prognosen in sein Training einbaut, die dann erfüllt werden sollen.“

Weiterhin hilfreich – wenn auch leichter gesagt als getan – ist es, Drucksituationen positiv zu interpretieren: „Wer sich mit der positiven Möglichkeit beschäftigt und die vermeintliche Hürde als Chance oder Herausforderung betrachtet, legt gleich eine andere Attitüde an den Tag. Voraussetzung ist natürlich, dass das anvisierte Ziel auch realistisch ist“, erläutert Heuer.

Eine weitere Möglichkeit besteht in der so genannten systematischen Desensibilisierung. Hier handelt es sich um ein Verfahren, in dem der Sportler – idealerweise unter Betreuung eines Fachmanns – seine Ängste in verschiedenen Situationen auf einer Skala je nach Schwere benennt. Beim anschließenden mentalen Nachempfinden lernt er dann, diese Ängste zu bewältigen. Weiterhin rät der Experte zu verschiedenen Entspannungsverfahren, wie etwa der Progressiven Muskelrelaxation, Autogenem Training oder, schlicht und einfach, zum Hören von positiv stimmender Musik.


Was für den Individualsportler gilt, lässt sich natürlich auch auf Mannschaftssportarten übertragen. In jeder funktionierenden Mannschaft gibt es eine klare Hierarchie. Gerät diese ins Wanken oder fühlen sich einzelne Spieler nicht anerkannt oder ausreichend gestützt, kann dies zu einem Leistungsabfall führen.

So sagt Jens Heuer: „Natürlich kann auch eine mangelnde Regenerationszeit Auslöser für ungewöhnlich schlechte Leistungen im Spiel sein, doch häufig spielen negative Emotionen eine große Rolle. Hat ein Spieler nicht das Vertrauen des Trainers oder seiner Teamkollegen, sind die Chancen gering, dass er sein volles Potenzial abruft. Gleiches gilt, wenn er auf einer ‘falschen‘ Position eingesetzt wird oder nur sehr selten eine Einsatzchance erhält und dies nicht nachvollziehen kann.“

Marco Heibel

Experte: Sportpsychologe Jens Heuer
; www.bestleistung.com

Details

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  • Star Vita: Jens Heuer ist Sportwissenschaftler und Sportpsychologe für Leistungssport in Hamburg und Münster. Sein Fachgebiet ist Individuelles Coaching für Sportler, Teams und Trainer in Fragen der Leistungserbringung und Wettkampfvorbereitung. Er selbst war leistungssportlich u.a. im Tennis, Langstreckenlauf und Triathlon aktiv.
  • Star Erfolge: Fachgebiet: Individuelles Coaching für Sportler, Teams und Trainer in Fragen der Leistungserbringung und Wettkampfvorbereitung