Sportpsychologie: Der Tunnelblick – Nur meine Bahn und ich shutterstock.com/Brasiliao

Sportpsychologie: Der Tunnelblick – Nur meine Bahn und ich

  • geschrieben von  jens heuer
Unter Alkoholeinfluss etwas Negatives, bezeichnet der Tunnelblick im Sport einen Zustand, den jeder Sportler nur zu gerne erreichen möchte. Dass dies nicht so leicht ist, weiß wahrscheinlich jeder aus eigener Erfahrung.

Wenn es beim FC Bayern München mal nicht so lief, sprach Oliver Kahn zu seiner aktiven Zeit in Interviews gerne davon, dass die Mannschaft jetzt wieder einen Tunnelblick entwickeln müsse. Damit meinte er sicherlich keine Autofahrten unter Alkoholeinfluss, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „In der Sportpsychologie meint der Begriff Tunnelblick – im Gegensatz zur allgemeinen Psychologie – etwas durchweg Positives. Ein Tunnelblick im Sport ist leistungsfördernd. Wer ihn hat ist zielorientiert, konzentriert sich bewusst auf seine Aufgabe und ist in der Lage, Störfaktoren auszublenden“, erläutert Sportpsychologe Jens Heuer.

Was ist der Tunnelblick?


Nehmen wir ein klassisches Beispiel: Bei der bald beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin wird man gerade auf den Sprintdistanzen wieder Athleten beobachten können, die wie weggetreten erscheinen. Sie alle versuchen, sich in einen Tunnel zu denken (Motto: „Nur meine Bahn und ich“) und dabei das Publikum und die Gegner auszublenden. Ob es ihnen immer gelingt, sei dahingestellt. Zumindest erwecken sie den Anschein.

Das Problem mit dem Tunnelblick ist, dass man ihn nicht auf Knopfdruck abrufen kann. Grundsätzlich konkurrieren mehrere Dinge um die Aufmerksamkeit. Vor einem Wettkampf sind das beispielsweise die Zuschauer, der Ansager über den Stadionlautsprecher, das Wetter, die Konkurrenten, etc. Es liegt dann an jedem Sportler selber, was er wahrnimmt. „Es ist unmöglich, etwas bewusst nicht wahrzunehmen. Stattdessen sollte der Sportler selektieren, was für ihn wichtig ist. Nur so kann er, im Training wie im Wettkampf, seine Konzentration leistungsunterstützend lenken“, erklärt Heuer.



Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus dem Straßenverkehr: Wer mit dem Auto auf unbekanntem Terrain unterwegs ist – wir setzen voraus, dass er kein Navigationsgerät besitzt – wird sich in der Regel auf die Straße und die Verkehrsschilder konzentrieren, und eben nicht auf die Musik aus dem Autoradio. Würde man ihn nachher fragen, welche Lieder er gehört hat, wird er vielleicht eines oder zwei nennen können. Ähnlich ist es mit dem „perfekten“ Tunnelblick: Der für einen selber am wichtigsten eingestufte Reiz bekommt die Aufmerksamkeit und unterdrückt weniger wichtige Einflüsse.


„Im Vorfeld, also in Zusammenarbeit mit dem Trainer oder Mentalcoach, sollte der Sportler sehr genau reflektieren, welche Wahrnehmungen seine Leistungsentfaltung unterstützen können. So kann er idealerweise einen Schlüsselreiz ermitteln, der geeignet ist, seine ganze Aufmerksamkeit einzunehmen und der ihn gleichzeitig optimal puscht.

Das kann, eng gefasst, bei einem Schwimmer beispielsweise die Konzentration auf den Armzug sein; oder, weiter gefasst, wie der Schwimmer sich im Wasser als Ganzes wahrnimmt. Gleiches gilt für Störfaktoren: Der Sportler muss sie erst erkennen, um sie mit der Zeit gezielt ausblenden zu können“, führt Jens Heuer aus.

Um beim Schwimmen zu bleiben, wäre die Konzentration auf die Nebenbahn alles andere als hilfreich, um sein volles Potenzial abrufen zu können, wenn durch das Wahrgenommene einen aus der Ruhe bringt. „Leistungsförderlich könnte andererseits sein, wenn der Schwimmer wahrnimmt, dass er vor seinem ärgsten Konkurrenten liegt und hieraus zusätzliche Energie schöpft. Von der Persönlichkeit und möglichem sportpsychologischem Training abhängig, könnte ihn aber auch motivieren, seinem Konkurrenten ’auf den Fersen’ zu sein, wenn dies die Überzeugung ‚Den hol ich mir noch‘ auslöst“, erklärt der Sportpsychologe.

Entscheidend ist also, ob es erfolgreich gelingt, das Wahrgenommene positiv zu interpretieren und dadurch maximale Kräfte frei zu setzen. „In Sportarten wie dem Schwimmen geht der Sportler mit der Wahrnehmung des Gegners zumeist ein gewisses Risiko ein, welches es im Vorhinein zu kalkulieren gilt. Wenn ein deutlicher Rückstand erkannt wird, raubt das wohl fast jedem Sportler die Kräfte“, erläutert Jens Heuer.


Der Tunnelblick ist jedoch keinesfalls mit dem Flow-Zustand gleichzusetzen. Als Mario Gomez beim Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen die Vereinigten Arabischen Emirate seine so genannte Torflaute nach über einem Jahr beenden konnte, kam er in einen Flow. Auf einmal klappten wieder Dinge, die ihm vorher nicht gelingen wollten. Die Folge: Es blieb nicht bei diesem einen Tor, Gomez ließ gleich noch drei weitere folgen.

„Der Flow-Zustand setzt Erfolgserlebnisse voraus. Erst mit ihnen kommt die Selbstüberzeugung. Anstrengungen werden nicht mehr als solche wahrgenommen. Das hat aber auch zur Folge, dass der Sportler nicht mehr bewusst konzentriert ist und mitunter sogar nachlässig wird. Die Fokussierung beim Tunnelblick ist dagegen bewusster“, sagt Sportpsychologe Heuer.

Gefahren und negative Einflussfaktoren


Selbst Sportler, die sich gut vorbereitet haben, gelangen nicht immer in den Tunnel. Wer verkrampft ist oder sich am körperlichen Limit bewegt, kann mit Konzentration alleine nicht mehr viel ausrichten. Gleiches gilt bei großer mentaler oder körperlicher Müdigkeit, aber eben auch bei unerwarteten äußeren Reizen, wie Jens Heuer erläutert: „Ist ein Sportler nicht gewohnt, vor einer gewaltigen Kulisse anzutreten, besteht die Gefahr, dass er seine Konzentration nicht aufrecht erhalten kann. Ein anderes gutes Beispiel sind Zwischenrufe in der Aufschlagbewegung beim Tennis. In dem Fall kann ich jedem Spieler nur raten, die Bewegung abzubrechen und neu aufzubauen.“

Natürlich ist es stark typabhängig, inwiefern sich ein Athlet gerade von äußeren Reizen beeinflussen lässt. Der eine wird eingeschüchtert und verliert seine Konzentration, der andere fühlt sich dadurch nur gepusht. Der bereits zu Anfang des Artikels zitierte Oliver Kahn sagte hierzu einmal den schönen Satz: „Ganz Deutschland wird am Samstag gegen uns sein, etwas Schöneres gibt es nicht.“

Marco Heibel

Experte:
Sportpsychologe Jens Heuer
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  • Star Vita: Jens Heuer ist Sportwissenschaftler und Sportpsychologe für Leistungssport in Hamburg und Münster. Sein Fachgebiet ist Individuelles Coaching für Sportler, Teams und Trainer in Fragen der Leistungserbringung und Wettkampfvorbereitung. Er selbst war leistungssportlich u.a. im Tennis, Langstreckenlauf und Triathlon aktiv.
  • Star Erfolge: Fachgebiet: Individuelles Coaching für Sportler, Teams und Trainer in Fragen der Leistungserbringung und Wettkampfvorbereitung
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