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Experteninterview

Hüft-Arthrose – wann bleibt nur die OP?

  • geschrieben von  Redaktion
Jährlich werden in Deutschland ca. 200.000 künstliche Hüftprothesen eingesetzt. Meist ist eine Arthrose Grund dafür. In vielen Fällen könnte durch frühzeitige Behandlung der ursächliche Verfallsprozess gestoppt und die Hüfte erhalten bleiben. Wie diese „Rettungsmaßnahmen“ aussehen und in welchen Fällen nur die OP bleibt, erläutert Dr. Martin Rinio, Orthopäde und Hüft-Spezialist der Gelenk-Klinik Gundelfingen, im Experten-Gespräch.
Herr Dr. Rinio, wann benötige ich ein künstliches Hüftgelenk?
Dr. Rinio: Durch Unfall, Krankheit oder Arthrose können die vom Knorpel gebildeten Gleitflächen stark verschleißen. Die Hüfte wird unbeweglich, äußerst schmerzhaft und steif. In diesem Fall kann eine Prothese die Funktion und Komponenten des natürlichen Hüftgelenks gut unterstützen oder ersetzen. Sie beendet oft einen langen Leidensweg und ermöglicht vielen Menschen wieder ein aktives Leben ohne Schmerzen.

Wann geht an einer OP kein Weg vorbei?
Dr. Rinio: Am Ende der Hüftarthrose, medizinisch auch als Coxarthrose bezeichnet, steht oft das völlige Versagen des Gelenks. In diesen Fällen muss der Orthopäde mit einer Prothese, also einem künstlichen Hüftgelenk, helfen. Findet er jedoch frühzeitig eine behandelbare Ursache, wie beispielsweise ein Impingement (Formgebungsstörung der Hüfte), so kann er den Verfallsprozess der Hüfte oft noch rechtzeitig beenden und diese durch entsprechende Maßnahmen retten.

Können Sie dafür eine beispielhafte Methode nennen?
Dr. Rinio: Normalerweise kann der Körper Knorpelzellen nicht von selbst nachwachsen lassen. Deshalb setzen wir in der Gelenk-Klinik Gundelfingen seit einigen Jahren ein biologisches Verfahren zur Knorpelzellzüchtung ein. Der besondere Vorteil: Bei der Regeneration des Gelenkknorpels kommen nur körpereigene Zellen zum Einsatz. Diese Methode ist aber nur bei rechtzeitiger Konsultation des Orthopäden möglich: Sind Gelenke und Knochen bereits stark und auf beiden Gelenkpartnern geschädigt, so ist es dafür zu spät.

In diesen Fällen bleibt nur die OP?
Dr. Rinio: Wichtig ist eine Beseitigung der Arthroseursachen, bevor das Hüftgelenk schließlich durch Abnutzung irreparablen Schaden genommen hat und steif und unbeweglich geworden ist. Als minimalinvasive Operation hat sich hier die Hüftarthroskopie oder –gelenkspiegelung bewährt. Minimalinvasiv bedeutet: Mit sogenannten Schüssellochtechniken werden kleinste Instrumente – ähnlich zahnärztlichen Geräten – in das Hüftgelenk eingeführt. Mit diesen lassen sich die direkten Ursachen in kleinsten Schnitten beseitigen. Wie der Name schon sagt, ist die Hüftarthroskopie Untersuchungs- und Behandlungsmethode zugleich. Wann immer möglich, ist der arthroskopische Weg zu bevorzugen, weil dadurch keine nennenswerten Weichteilverletzungen am Hüftgelenk auftreten. Der Heilungsprozess ist wesentlich schneller als bei offenen Operationen. Es kommt zu einer nur geringen Narbenbildung.

Und wann bleibt nur die Hüftprothese?
Dr. Rinio: Die Behandlung der primären Hüftarthrose beschränkt sich in der Regel auf begleitende schmerzlindernde Verfahren. Sind die Schmerzen nicht mehr zu ertragen und ist die Versteifung der Hüfte zu weit fortgeschritten, wird dem Patienten eine Prothesenoperation angeboten.

Wie lange hält eine Prothese durchschnittlich?
Dr. Rinio: Ob Metall, Keramik oder Plastik – es gibt kein Material, das die Belastbarkeit und Haltbarkeit eines natürlichen Hüftgelenks erreichen kann. Bei einer optimalen Prothesenversorgung sind jedoch bis zu 25 Jahre und mehr möglich. Eine wesentliche Rolle scheint dabei der Aktivitätslevel zu spielen: Bei jüngeren Menschen verschleißen Hüftprothesen nachweislich erheblich schneller.

Jüngere Patienten benötigen demnach stabilere Lösungen?
Dr. Rinio: Richtig, vor allem bei jüngeren Patienten unter 60 oder sogar 50 Jahren sind Haltbarkeit und Stabilität der Prothesen besonders wichtig. Empfehlenswert sind Ausführungen mit Keramikoberfläche. Denn dieses Material ist wesentlich abriebärmer als Metall-Kunststoffgleitflächen. Das Risiko einer Prothesenlockerung ist deutlich minimiert.

Gibt es auch Nachteile?
Dr. Rinio: Keramik ist ein sehr sprödes Material. Bei sehr hoher Belastung deformiert es sich nicht elastisch, wie etwa Metall oder Plastik, sondern bricht durch. Das führte bisher hin und wieder zum Versagen der Prothesen. In den letzten Jahren wurden aber Hochleistungskeramiken entwickelt, deren Härte und Bruchsicherheit durch Einarbeitung von “Nano-Partikeln” um ein Vielfaches höher liegt. Die klinischen Daten dieser neuen Generation sind vielversprechend.

Nach 20 oder 25 Jahren ist dennoch Schluss – sind Wechsel-OPs problematisch?
Dr. Rinio: Immer häufiger müssen wir „jüngeren“ Patienten um die 50 oder 60 wegen ihrer fortgeschrittenen Hüftarthrose eine Prothese implantieren. Bei diesen Patienten ist aufgrund des normalen Verschleißes eine Wechsel-OP nach 20 oder 25 Jahren wahrscheinlich. Durch Knochen sparende Operationen schaffen wir gute Voraussetzungen für den reibungslosen späteren Austausch.

Können Sie das konkretisieren?
Dr. Rinio: Implantiert werden sogenannte Kurzschaftprothesen. Wie der Name schon sagt, haben diese einen deutlich verkürzten Prothesenschaft. Der Vorteil: Im Vergleich zur Standardprothese muss der Oberschenkelknochen weitaus weniger ausgehöhlt werden. Große Teile des Schenkelhalses bleiben ohne Stabilitätsverlust für die Hüftprothese erhalten, was die spätere Wechsel-OP vereinfacht.

Wann ist eine Kurzschaftprothese ungeeignet?
Dr. Rinio: Voraussetzung ist eine sehr gute Knochendichte bzw. ein hoher Kalziumgehalt des Knochens. Bei Osteoporose, oft auch als Knochenschwund bezeichnet, ist dieses Verfahren also nicht mehr geeignet. In diesem Fall empfehlen wir eine Geradschaftprothese, gegebenenfalls zementiert.

Wie wird eine Kurzschaftprothese implantiert?
Dr. Rinio: Die Kurzschaftprothese wird - wie auch alle anderen Hüftprothesen - in der Gelenk-Klinik durch einen minimalinvasiven Zugang eingesetzt. Der Vorteil: Es ist keine Durchtrennung von Muskelfasern erforderlich. Das schafft gerade in der Frührehabilitation nach der OP erhebliche Vorteile: weniger Komplikationen und Schmerzen, eine wesentlich beschleunigte Wundheilung und eine schnellere Rehabilitation bei besserer Funktion.

Welche Risiken birgt diese Methode?
Dr. Rinio: Die minimalinvasiven Verfahren, besonders das schonende „anterolaterale“ Verfahren (Zugang von vorne seitlich), benötigen sehr viel operative Erfahrung und werden von Spezialisten sicher angewendet. Die allgemeinen Risiken wie Thrombosen, Schädigungen von Gefäßen, Nerven oder Muskeln sowie Medikamentenunverträglichkeiten sind bei jeder Operation gegeben. Hier gibt es keine spezifischen Nachteile.

Kann ich anschließend sofort wieder aktiv werden?
Dr. Rinio: Die Einheilung der einwachsenden Prothese benötigt Zeit. Eine zu große Knochenbelastung sollte man in den ersten drei Monaten der Knochenheilung vermeiden. Das ist wichtig, damit der Einheilungsprozess ungestört verläuft und die Prothese sicher und stabil verankert.

Eignen sich Kurzschaftprothesen auch für ältere Menschen?
Dr. Rinio: Älteren Patienten sind eher Geradschaftprothesen, gegebenenfalls auch zementierte Prothesen zu empfehlen. Diese sind haltbarer bei geringerer Knochendichte, und erlauben eine sofortige Vollbelastung des Gelenks.

Worauf sollte ich nach jeder Prothesen-OP achten?
Dr. Rinio: Je nachdem, welcher Zugangsweg für die Operation gewählt wurde, sollten in den ersten Wochen bestimmte Bewegungen vermieden werden. Es gilt, ein Auskugeln des neuen künstlichen Gelenks zu verhindern, bei dem der Prothesenkopf aus der Prothesenpfanne herausspringt. Eine schonende Vollbelastung des Gelenks kann jedoch unmittelbar nach der Operation bereits erfolgen. Sport ist in der Regel frühestens nach drei Monaten erlaubt.

Kann sich meine Prothese lockern?
Dr. Rinio: Ja, an der Hüftpfanne und im Oberschenkel kann es zu Knochenverlust und dadurch zu Lockerungen kommen. Manchmal macht sich das nicht einmal durch Schmerzen bemerkbar. Schon deshalb sollte man alle zwei Jahre den korrekten Sitz der Hüftprothese kontrollieren lassen.

Weitere Infos: gelenk-klinik.de
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