Kälberblut-Präparat: Wunder- oder Dopingmittel? Getty Images

Kälberblut-Präparat: Wunder- oder Dopingmittel?

DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt behandelt die Spieler bei Verletzungen gern mit dem Kälberblut-Präparat Actovegin. Was es mit dem Mittel auf sich hat und ob es bald auf der Dopingliste stehen könnte, beantwortet ein Experte von der Deutschen Sporthochschule Köln.
netzathleten.de: Was kann man sich unter Actovegin vorstellen, dem sogenannten Kälberblut-Präparat?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Aus Kälberblut lässt sich eine Flüssigkeit ohne Blutzellen gewinnen, aus denen man Proteine herausfiltern kann, die sich angeblich positiv auf den menschlichen Körper auswirken sollen.

netzathleten.de: Wann kommt das Mittel zum Einsatz?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Das Mittel wurde vor über zehn Jahren auf den Markt gebracht und soll die Durchblutung und Sauerstoffversorgung verbessern. Tatsache ist, dass es im Augenblick in Deutschland nicht zugelassen ist. Woran das liegt, kann man zurzeit nur vermuten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Zulassungsbedingungen auf dem deutschen Markt härter geworden sind und die Wirkung des Präparats vielleicht nicht ausreichend nachgewiesen ist. Im Ausland kann man Actovegin aber beziehen. Zum Einsatz kommt es bei uns unter Spitzensportlern zur Behandlung von Verletzungen.

netzathleten.de: Bei welchen Verletzungen?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Vor allem bei Muskel- und Gelenkverletzungen. Die Substanz wird dann in die Muskulatur oder ins Gelenk gespritzt. Man kann das Präparat alternativ intravenös spritzen und so in die Blutbahn bringen.

netzathleten.de: Bastian Schweinsteiger sagte einmal, bei ihm wirke das Mittel innerhalb von fünf Minuten. Warum wirkt das Kälberblut überhaupt so schnell?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Eines vorweg: Nachgewiesen ist diese schnelle Wirkungsweise nicht. Scheinbar haben viele Sportler aber andere, positive Erfahrungen mit Actovegin gemacht. In der Medizin wird es allerdings nicht als Standard-Präparat verwendet, weil einige Experten der Meinung sind, dass der Wirkungsnachweis generell nicht ausreichend erbracht ist.

netzathleten.de: Klingt fast wie ein Wundermittel unter Sportlern. Sind Ihnen denn auch Fälle bekannt, bei denen Actovegin zur Leistungssteigerung gespritzt wurde?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Solche Fälle sind mir persönlich nicht bekannt. Aber es ist sicherlich so, dass man immer wieder überlegt hat, ob diese Substanz Eigenschaften hat, die sportliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Aber da fehlen wie gesagt im Moment entsprechende Nachweise. Es gibt eine Studie aus dem Jahr 2013, bei der man Probanden Actovegin und Placebo verabreicht hat, um zu testen, ob sich deren Ausdauer verbessert. Eine Verbesserung konnte allerdings nicht festgestellt werden. Aus diesem Grund gilt ein Einsatz dieses Mittels auch noch nicht als Doping.

netzathleten.de: Welche Alternativen gibt es in der Behandlung anstatt Actovegin?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Es gibt zum Beispiel physiotherapeutische Maßnahmen oder Entzündungshemmer, die man spritzen kann. Aber das muss der behandelnde Arzt entscheiden.

netzathleten.de: Ihre persönliche Einschätzung: Steht Kälberblut in Zukunft auf der Liste verbotener Substanzen im Leistungssport?
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer: Das ist natürlich rein spekulativ. Es gibt aktuell eine dänische Studie, die gezeigt hat, dass bei isolierten Muskelfasern durch Actovegin die Energiebildung verbessert wird. Aber ob diese isolierte Betrachtung einzelner Zellen ausreicht, die Substanz zu verbieten, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Es sei denn, es wird in Zukunft weitere Studien geben, die einen leistungssteigernden Effekt herausstellen – dann könnte das Präparat bald auf der Dopingliste stehen.

Zur Person: Prof. Dr. Wilhelm Schänzer lehrt an der Deutschen Sporthochschule Köln am Institut für Biochemie.

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