Mathias Mester – Eine Medaille ist der Wunsch, Gold der Traum getty images
Paralympics 2016

Mathias Mester – Eine Medaille ist der Wunsch, Gold der Traum

Mathias Mester fährt zu den Paralympics nach Rio. Im Interview spricht er über seine Ziele, Doping und parteiisches Publikum. Und er verrät, warum eine Goldmedaille weit mehr ist, als ein sportlicher Erfolg.
netzathleten.de: Deine Karriere ist bilderbuchmäßig gelaufen. Weltmeister, Europameister, Silbermedaillengewinner, Weltrekorde, Behindertensportler des Jahres und so weiter. Gab es trotzdem einen Moment in Deiner Karriere, der Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Mathias Mester: Ja, den gab es. Zwei Wochen vor den Paralympics in London habe ich mich verletzt, bin aber trotzdem an den Start gegangen. Nach dem dritten und vierten Versuch wusste ich: „Nach vorne geht nichts mehr.“ Da habe ich mich zum Publikum gedreht und habe in die Hände geklatscht. Erst kam keine Reaktion, aber dann wurde ich auf der Anzeigetafel eingeblendet und auf einmal hat das komplette Stadion mitgeklatscht, in dem Rhythmus, den ich vorgegeben habe. Diesen Moment, wenn 80.000 Leute für dich klatschen, kann mir keiner mehr nehmen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe dann zwar auch noch in meinem letzten Versuch am weitesten geworfen, aber eigentlich hätte ich schon nach dem Klatschen aufhören können (lacht).

Steffi Nerius sagte: "Du hast ganz schön Zug im Arm"


netzathleten.de: Du beschreibst einen Moment aus Deiner Leichtathletik-Karriere. Dein eigentlicher Sport war aber Fußball. Wie bist Du trotzdem zur Leichtathletik gekommen?
Mathias Mester: (Lacht) Ja genau, ich komme eigentlich vom Fußball. Mein Vater hat recht hoch gespielt, meine beiden Cousinen haben in der ersten Bundesliga gekickt. Daher war ich immer mit Fußball verbunden und habe selbst in der Kreisliga gezockt. In der Liga war ich natürlich als Kopfballungeheuer gefürchtet. Da hatten die Gegner schon Respekt (lacht). Ich war dann mit meinen Jungs bei einem Hobbyturnier. Dort wurde ich von meinem ehemaligen Heimtrainer Herbert Hessel angesprochen, ob ich nicht mal Bock hätte, ein Leichtathletik-Probetraining bei Bayer Leverkusen mitzumachen. Da habe ich dann den Speer in die Hand genommen, die Steffi (Nerius, Anm. d. Red.) zum ersten Mal getroffen. Und dann habe ich mal einen abgezogen über den Rasen. Danach meinte Steffi so: „Joa, das sieht gut aus. Du hast ganz schön Zug im Arm.“ Eine Woche später hat sie mich angerufen und dann ging es los. So bin ich da reingerutscht.

netzathleten.de: Der Speer ist ein gutes Stück größer als Du. Ist das nicht unhandlich?
Mathias Mester: Der Speer ist bis zu 2,30m lang und ich bin 1,44m groß. Aber Probleme macht mir das nicht. Ich weiß ja, wie ich den Speer halten muss und wie man ihn am besten wirft. Manchmal würde ich mir trotzdem wünschen, dass der Speer eine Nummer kleiner ist. Aber letztlich finde ich, es sieht einfach nur geil aus, wenn ich mit meiner Körpergröße das Gerät dann auf über 40 Meter werfe.

"Speerwerfen war immer meine Paradedisziplin"


netzathleten.de: Du hast ursprünglich neben Speerwurf auch Diskus und Kugelstoßen gemacht, Dich dann aber nur noch auf den Speer konzentriert. Wie kam es dazu? Im Kugelstoßen hast Du ja sogar Silber in Peking geholt.
Mathias Mester: Das stimmt, aber eigentlich war Speerwerfen schon immer meine Paradedisziplin und das hat mir auch am meisten Spaß gemacht. Hier konnte ich außerdem von Anfang an im vorderen Feld mitmischen. Und als Speerwurf dann in das paralympische Programm aufgenommen worden ist, habe ich mich nur noch speziell auf den Speerwurf konzentriert.

netzathleten.de: Hat Steffi Nerius auch eine Rolle dabei gespielt, die Dich ja lange trainiert hat?
Mathias Mester: Ja, aber die hat mich ja auch im Diskus und Kugelstoßen trainiert. Aber klar, sie kommt vom Speer und war ja selbst sehr erfolgreich. Es hätte also für mich nicht besser laufen können, mit ihr als Trainerin. Sie hat natürlich extrem viel Ahnung vom Speer.

netzathleten.de: Inzwischen hast Du auch den Verein gewechselt und startest für Kaiserslautern. Wie kam es zu dem Wechsel?
Mathias Mester: Ich starte zwar für Kaiserslautern, wohne aber in Köln. Steffi und ich haben immer noch ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis und sie ist ja auch zumindest dieses Jahr noch unsere Bundestrainerin im Wurf. Aber wir haben im Verein acht Jahre lang zusammengearbeitet. Und da wollte ich einfach mal neue Reize setzen. Und dann habe ich mir in Köln was Neues aufgebaut. Ich kann hier arbeiten, trainieren, habe hier die Physio, meine beiden Trainer, habe einfach nicht mehr so weite Wege. Ich wollte einfach nochmal neue Reize setzen, neuer Trainer, neue Übungen.

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netzathleten.de: Nun rückt Rio immer näher. Wie sieht Deine weitere Vorbereitung aus? Was steht noch auf dem Plan?
Mathias Mester: Am 31. August fliege ich von Frankfurt aus nach Rio. Am 11.9. ist dann mein Wettkampf. Bis dahin trainiere ich. Erst noch hier in Köln, dann in Rio. Aber es ist natürlich klar, dass man nicht mehr so große Umfänge macht. Ich mache schon noch Krafttraining, viel Techniktraining. Wir schauen jetzt, dass ich spritzig werde, schnellkräftig. Es geht auch darum, die Spannung langsam aufzubauen. Der letzte Feinschliff wird also vorgenommen.

netzathleten.de: Und welches Ziel hast Du Dir für die Wettkämpfe gesetzt?
Mathias Mester: Natürlich würde ich gerne meine Bestleistung werfen und dann damit auch eine Medaille holen. Momentan bin ich Weltranglistenzweiter. Mein Ziel ist also eine Medaille, ich liebäugle auch mit dem ganz großen Wurf und der Goldmedaille.

"Wie das IPC entschieden hat, ist gut"


netzathleten.de: Was macht die Paralympics für Dich aus?
Mathias Mester: Bei uns ist es natürlich so, dass wir uns im Behindertensport nur alle vier Jahre richtig beweisen können und in der Öffentlichkeit stehen. Und das passiert im Rahmen der Paralympics. Entsprechend will man sich dann natürlich auch allen zeigen und das nutzen. Das ist eigentliche der Reiz. Außerdem macht sie aus, dass viele Sportler und Sportarten aufeinander treffen. Das ist natürlich auch immer ein cooles Feeling und Miteinander.

netzathleten.de: Bei den olympischen Spielen in Rio hat man mitbekommen, dass das brasilianische Publikum sehr parteiisch für seine Athleten war. Kannst Du sowas komplett ausblenden?
Mathias Mester: Eigentlich schon, ja. Ich war schon in Peking dabei und auch da war das Publikum, immerhin 91.000 Zuschauer, auch sehr parteiisch für die chinesischen Sportler. Und da habe ich Silber geholt, ich habe mich von nichts abringen lassen. Vielleicht stachelt das sogar noch ein bisschen mehr an, wenn man dann auch noch einen Brasilianer in der Runde hat und dem zeigen kann, wo es lang geht (lacht).

netzathleten.de: Ein zweites Thema, das vor allem dieses Jahr bei Olympia und den Paralympics mitschwingt, ist Doping. IOC und IPC sind unterschiedlich mit dem nachgewiesenen Staatsdoping in Russland umgegangen. Bei Olympia durften russische Sportler antreten, von den Paralympics sind sie komplett ausgeschlossen. Wie bewertest Du die beiden unterschiedlichen Vorgehensweisen?
Mathias Mester: Ich finde das extrem schwer. Es gibt sicherlich auch in Russland Athleten, die hart trainiert und vielleicht nicht gedopt haben. Aber es ist natürlich schwer, seine Unschuld zu beweisen, wenn ein staatliches System dahintersteckt und Dopingkontrollen nicht so gewissenhaft durchgeführt werden wie beispielsweise bei uns. Ich muss zum Beispiel immer quartalsweise anmelden, wo ich bin. Außerdem muss ich immer eine Stunde am Tag angeben, in der man mich an einem Ort antreffen kann. Ich muss darauf achten, welche Medikamente ich nehme, was ich esse. Wenn so ein System in anderen Ländern wie Russland nicht vorliegt, dann ist es natürlich schwer zu glauben, dass nicht gedopt wird. Insgesamt finde ich es gut, wie das IPC entschieden hat.

netzathleten.de: Doping dient natürlich dazu, bei Wettkämpfen gut abzuschneiden. Wie wichtig ist ein Erfolg bei den Paralympics auch in puncto Förderung und Sponsorensuche im Anschluss an die Spiele?
Mathias Mester: Der Spruch „Silber ist der erste Verlierer“ trifft bei den Paralympics in dieser Beziehung auf jeden Fall zu. Wenn du Paralympics-Sieger wirst, bekommst du mehr Aufmerksamkeit von Medien, Sponsoren oder Partnern. Eine Medaille ist natürlich gut, aber wenn man der Beste ist, ist man natürlich auch eine Figur, die man vermarkten kann. Und das trifft als Silber- oder Bronzemedaillengewinner schon nicht mehr so zu.

netzathleten.de: Sprich, auch für Dein Sportlerleben ist das von enormer Wichtigkeit. Je mehr Förderung man bekommt, desto mehr kann man sich auf den Sport konzentrieren, muss weniger nebenher arbeiten.
Mathias Mester: Das stimmt. Letztendlich ist es wirklich so: Bist du Vierter oder noch weiter hinten, interessiert sich keiner für dich. Klar, du warst dabei, aber das war‘s dann auch. Wenn du Silber oder Bronze gewinnst, ist es schon so, dass dir einige vom Ministerium schreiben und gratulieren und vielleicht tut sich auch der eine oder andere Förderer auf. Aber wenn du Gold gewinnst, bist du nun mal der Beste von allen, bist Paralympicssieger. Das kann man nur alle vier Jahre werden. Und da kann man auch eine geile Story drum stricken. In der Biographie macht sich das super und für den Markt ist man dann eben auch interessanter.


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