Cocktails für den Sieg – Christian Schwarzer zum Halbfinale gettyimages.de -- Höhenflug: Deutschlands Handballer stehen im Halbfinale

Cocktails für den Sieg – Christian Schwarzer zum Halbfinale

Genießen, dann aber hart weiterarbeiten – die Mission ist nämlich noch nicht zu Ende, sagt netzathleten-Experte Christian Schwarzer nach dem Halbfinaleinzug. Der Weltmeister von 2007 ist überzeugt von den jungen Spieler, die er in den vergangenen Jahren betreut hat, wundert sich aber über den Turniermodus.

netzathleten: Blacky, nach dem Sieg gegen Dänemark ist der Halbfinaleinzug perfekt. Wie ist Deine Einschätzung zum Spiel?
Christian Schwarzer: Die Jungs haben erneut ein tolles Spiel abgeliefert, ein echter Grund zum Feiern. All das, was zuvor geklappt hat, funktionierte auch gegen Dänemark wieder. Die Abwehr hat abgeliefert. Wenn die Dänen dann doch durchkamen, war Andi Wolff in den entscheidenden Momenten wieder da. Vorne wurde konsequent abgeschlossen und die beiden Nachnominierten Kühn und Häfner haben sich nahtlos eingefügt. Aber, ohne die Leistung unsere Jungs schmälern zu wollen, gibt es natürlich auch Dinge, die man Hinterfragen muss.

netzathleten: Die da wären?
Christian Schwarzer: Ich wundere mich sehr über den Turniermodus, bei dem der Gruppenerste der Vorrunde drei Spiele in vier Tagen zu absolvieren hat. Dänemark hatte deshalb keinen freien Tag vor dem Spiel, die Deutschen dagegen zwei. Das finde ich zumindest fragwürdig und kann deshalb auch die Kritik der dänischen Offiziellen verstehen.

netzathleten: War das letztlich das Zünglein an der Waage? Ist den Dänen die Kraft ausgegangen?
Christian Schwarzer: Die letzten zehn Minuten haben schon darauf hingedeutet, dass die dänischen Akkus leer waren und unsere Jungs dagegen noch entscheidend nachlegen konnten. Das Team lässt sich auch durch kleine Unsicherheiten oder Fehler nicht aus dem Tritt bringen, zieht seine Marschroute einfach durch. Das beeindruckt mich.

netzathleten: Die deutsche Mannschaft wirkt erstaunlich reif und es sind fast keine technischen Defizite zu erkennen. Wurde die Arbeit im Jugendbereich in dieser Hinsicht intensiviert in den vergangenen Jahren?
Christian Schwarzer: Reif und gefestigt, trotz ihres niedrigen Durchschnittsalters. Was die Technik und Ballsicherheit angeht, so hatten wir in den vergangenen Jahren beim DHB in der Nachwuchsarbeit verstärkt darauf hingewiesen, unsere Talente individuell mehr zu fördern und nicht nur in Sachen Mannschaftstaktik. Die Ergebnisse sehen wir jetzt auf der Platte und auf die Jungs sind wir ehemaligen Nachwuchstrainer natürlich auch sehr stolz.

netzathleten: Ganz Deutschland feiert die Handballer derzeit ab. Mal abgesehen von der Freude über das erreichte, was bewirkt so etwas in der Psyche solch junger Spieler?
Christian Schwarzer: Sie erkennen bereits jetzt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Sie erkennen, was sie mit Spaß und Leidenschaft – die sportlichen Qualitäten bringen sie ohnehin mit – erreichen können. Die Ergebnisse bei diesem Turnier sind für ihr Selbstbewusstsein Gold wert, sie können mit breiter Brust zurück in ihre Vereine kommen. Aber, und das muss ich als Trainer sagen, sie müssen jetzt auch wissen, dass sich von nun an alle Blicke auf sie richten werden. Das heißt für sie, Woche für Woche hart weiter zu arbeiten. Jetzt gegen Norwegen, um sich hier den ganz großen Traum zu erfüllen, und in der Zukunft in der Liga. Dazu müssen sie bereit sein, dann spielen wir in den kommenden Jahren sicher wieder öfter um die großen Titel mit.

netzathleten: Mit Norwegen im Halbfinale hätte man vor der EM auch nicht gerechnet. Was sind die Stärken dieses Teams?
Christian Schwarzer: Die Stärken Norwegens sind den unseren ganz ähnlich. Auch sie schaffen es, über eine stabile Abwehr ins Spiel zu kommen und vorne befreit aufzuspielen. Sie bringen Leidenschaft mit und schwimmen auf einer Welle der Euphorie. Von ihnen hat keiner etwas erwartet, was sie genauso unberechenbar macht wie uns. Das wird ein Spiel auf Augenhöhe in dem nur ein Quäntchen mehr Wille den Ausschlag geben wird.

netzathleten: Norwegen hat seine Gruppe dominiert, Favoriten wie Frankreich und Gastgeber Polen besiegt. Auch sie schnuppern jetzt an der ganz großen Sensation und Du sprichst von einem Spiel auf Augenhöhe. Das klingt, als sei eine weitere Energieleistung notwendig. Hat die deutsche Mannschaft noch genug Energie?
Christian Schwarzer: Hundert Prozent! Solche Ereignisse setzen Kräfte frei, von denen man gar nicht weiß, dass man sie hat. Wir sind ja von Emotionen gesteuerte Menschen, weshalb sowas auch gar nicht rational zu erklären ist. Das passiert einfach.

netzathleten: Nun weiß man, was einen in einem Spiel gegen Russland oder Dänemark erwartet. Aber kennt man ein Team wie Norwegen auch gut genug auf Seiten des DHB?
Christian Schwarzer: Bei einer Europameisterschaft gibt es keine Unbekannten. Das mag bei einer WM so sein, wenn plötzlich irgendwelche Exoten auftauchen. Bei der EM aber kann man sogar auf Kenntnisse aus dem Juniorenbereich zurückgreifen, da kennen sich viele bereits von den Nachwuchsturnieren. 

schwarzerDer Handballweltmeister von 2007 ist bei der EM in Polen vor Ort!netzathleten: Eine weitere Gefahrenquelle könnte die Angst vor der eigenen Courage werden. Begreifen die Jungs jetzt langsam, was sie erreichen können und könnte sie das womöglich blockieren?
Christian Schwarzer: Da glaube ich nicht dran. Natürlich kann ein solches Szenario passieren und die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass man in einem guten Turnier auch immer mal ein schwächeres Spiel hat. Das haben wir in der ersten Partie gegen Spanien aber bereits abgeliefert und in der Summe stimmt mich das alles sehr positiv für das Halbfinale.

netzathleten: Stefan Kretzschmar hat auf Initiative von Joko Winterscheidt dem Team nach dem Dänemark-Spiel einen Kasten Bier spendiert. Legst du heute nach?
Christian Schwarzer: Ich weiß gar nicht, ob die Jungs derzeit große Lust auf Bier haben. Vielleicht möchte der eine oder andere auch ganz gern mal einen guten Cocktail trinken. Ich denke also schon, dass ich mir da noch etwas einfallen lasse!