Krebs und Sport - wie passt das? Interview mit Dr. Joachim Wiskemann thinkstockphotos.com

Krebs und Sport - wie passt das? Interview mit Dr. Joachim Wiskemann

  • geschrieben von  Nils Borgstedt
Krebs und Sport geht das? Wir haben bei Dr. Joachim Wiskemann, Co-Leiter des Programms "Bewegung und Krebs" am NTC Heidelberg, nachgefragt, welche Auswirkungen Sport auf eine Krebsbehandlung und das Wohlbefinden der Patienten haben kann.

netzathleten.de: Herr Wiskemann, worin sehen Sie die größte Problematik, wenn Patienten die Diagnose Krebs bekommen, bezogen auf Bewegung und Sport?
Dr. Joachim Wiskemann: Meist stellt die Diagnose Krebs für die Patienten einen massiven Einschnitt in ihren Lebensalltag dar. Die Patienten wissen oft nicht, wie es weiter geht und das schlägt sich in bestimmten Verhaltensweisen nieder. Auch beim Sport. Häufig stellen Betroffene sportliche Betätigung ein. Das hängt damit zusammen, dass die Aktivitäten, die mit einem gesunden Lebensstil zu tun haben, oft zunächst komplett in den Hintergrund rutschen. Wenn solche Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, ist das eine gefährliche Folge der Diagnose.

netzathleten.de: Nun ist Krebs nicht gleich Krebs. Es gibt die unterschiedlichsten Arten. Kann ich denn mit jedem Krebs den gleichen Sport weiterhin ausüben, zumindest im Anfangsstadium?
Dr. Joachim Wiskemann: Von ein paar Ausnahmen abgesehen, ist meist nicht der Krebs an sich die größte Einschränkung, sondern es sind die Nebenwirkungen der Medikamente oder Verfahren, die zur Behandlung eingesetzt werden. Häufig sind das größere oder kleinere Operationsnarben, die die Bewegungen einschränken. Schont man die betroffenen Bereiche, ist aber durchaus Bewegung möglich. Besondere Vorsicht gilt bei Erkrankungen, bei denen sich beispielsweise Metastasen in Knochenstrukturen gebildet haben. Das heißt nicht, dass man überhaupt keinen Sport treiben kann: Man muss sich jedoch anschauen, wo die betroffenen Knochen liegen und ob sie gegebenenfalls bruchgefährdet sind. Daran muss dann das Bewegungsprogramm angepasst werden.

netzathleten.de: Sie haben die Nebenwirkungen angesprochen. Häufig treten Muskelschmerzen und Gelenkschmerzen auf. Man liest immer wieder Sport kann diese Nebenwirkungen lindern. Wie denn genau?
Dr. Joachim Wiskemann: In Bezug auf die Schmerzebene ist das bisher noch gar nicht richtig verstanden. Da würden wir jetzt sehr stark spekulieren. Aber ich kann Ihnen ein paar andere Nebenwirkungen nennen, bei denen es etwas einfacher zu erklären ist, wie Sport wirkt. Eine Sache ist zum Beispiel das Fatigue-Syndrom. Der Patient fühlt sich dabei extrem erschöpft. Viele beschreiben das Fatigue-Syndrom sogar als die am meisten einschränkende Nebenwirkung. Für das Fatigue-Syndrom gibt es zwar auch multikausale Ursachen, aber eine ist sehr häufig: Die Patienten sind in einem dekonditionierten Status, sie haben also viel Muskelmasse verloren. Das Ziel und die Wirkung von Sport liegen dann auf der Hand. Es soll wieder Muskelmasse aufgebaut werden, damit der Betroffene nicht schon bei alltäglichen Aktivitäten ermüdet.

Aber auch über andere Effekte wird spekuliert: Wir wissen, dass bei einer Chemotherapie sehr wahrscheinlich auch die Mitochondrien der Zellen geschädigt werden. Die Zellen sind dadurch nicht mehr so gut in der Lage, Sauerstoff aus dem Blut herauszuziehen und zu verarbeiten. Sport kann nun dazu führen, dass diese „Kraftwerke der Zellen“ wieder besser arbeiten und dadurch steht sehr wahrscheinlich dem Körper wieder mehr Energie zur Verfügung.

Ein weiterer Effekt ist auch schon von anderen Erkrankungen bekannt, zum Beispiel die Wirkung auf depressive Zustände. Sport kann als Stimmungsaufheller fungieren. Beim Sport werden Endorphine ausgeschüttet, die dem Patienten ein positives Gefühl vermitteln. Dadurch lassen sich die Niedergeschlagenheit und Depressivität, die mit einer Krebserkrankung einhergehen können, gut bekämpfen.

netzathleten.de: Die Nebenwirkungen sorgen aber doch sicherlich für einen großen inneren Schweinehund bei den Patienten. Wie können sich Erkrankte motivieren und wie motivieren Sie sie?
Dr. Joachim Wiskemann: Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Es gibt verschiedene Typen und Möglichkeiten. Es gibt Patienten, die haben für sich von Anfang an entschieden, Sport macht keinen Spaß, das klappt überhaupt nicht und ich kann mir das nicht vorstellen. Das ist aber nur ein sehr geringer Anteil der onkologischen Patienten. Viele sind ja in der Situation, dass sie eine lebensbedrohliche Erkrankung haben und sind daher sehr offen für Dinge, die ihnen vielleicht noch begleitend zur Therapie helfen können. Und was man den Patienten immer sagen kann, und das merken sie dann auch direkt am ersten Tag schon nach fünf oder zehn Minuten Training, ist, dass sie in diesem passiven onkologischen Prozess selbst aktiv werden können. Das ist für die Patienten enorm wichtig. Denn normalerweise sieht es ja so aus: Sie bekommen eine Bestrahlung oder eine Chemotherapie und auch, wenn der Arzt viel mit ihnen spricht, müssen sie eigentlich immer passiv warten, dass die Behandlung anschlägt. Durch Bewegung können Patienten nun in die Lage versetzt werden, selbst etwas für sich tun.

Der zweite Punkt ist, dass der Patient durch Sport in der Lage ist, weniger Nebenwirkungen zu entwickeln. Wir haben Beobachtungsstudien, die belegen, dass Patienten, die während und nach ihrer Krebstherapie aktiv waren, signifikant weniger Rückfallquoten aufweisen und auch eine günstigere Prognose haben. Das sind natürlich Statistiken und man kann niemandem etwas versprechen, aber das individuelle Risiko kann positiv beeinflusst werden.

netzathleten.de: Und wie sieht dann so ein Sportprogramm aus? Sagen wir für einen Hochdosis-Chemotherapiepatienten.
Dr. Joachim Wiskemann: Das kommt natürlich immer auf die Phase an. Wenn wir wirklich die richtige Hochdosisphase betrachten, ist der Patient in der Klinik in einem kleinen Zimmer isoliert, um möglichst wenig Keimbelastung ausgesetzt zu sein. Dort absolvieren die Patienten beispielsweise ein Ausdauertraining auf einem Fahrradergometer. Anfangs ist das Ganze sehr leicht gestaltet. Beispielsweise mit einem Intervalltraining. Der Patient fährt also für etwa eine Minute in einer bestimmten, individuellen Pulsfrequenz, macht dann eine halbe Minute Pause, fährt dann wieder eine Minute. Und so weiter. Das macht man für etwa zehn Minuten. Mit der Zeit steigert man die Dauer des Trainings immer weiter, bis der Patient in der Lage ist, 20 Minuten am Stück zu fahren. Außerdem kann man Übungen für bestimmte Muskelgruppen, zum Beispiel die Bauchmuskulatur oder Armmuskulatur machen. Hierbei ist mir noch wichtig zu sagen, dass es keine speziellen Krebspatientenübungen gibt. Wir benutzen ganz normale Gymnastikübungen, die an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Die Intensität ist so ausgerichtet, dass sich der Patient in einem subjektiven Bereich von „etwas angestrengt“ bis „angestrengt“ fühlt. Wir benutzen dazu eine individuelle Einschätzungsskala, die sogenannte Borg-Skala. Das hat den Vorteil, dass man auch Schwankungen, denen der Patient von Tag zu Tag unterliegt, wahrnehmen kann und das Bewegungsprogramm dann angepasst wird. Auch je nachdem, welche Therapie gerade gegeben wird. Man kann so den Patienten immer auf das richtige Anstrengungsniveau belasten. Das erfordert natürlich therapeutische Betreuung und eine Einweisung der Patienten. Letztendlich erreicht man aber so recht schnell eine adäquate Belastung der Patienten. Und es ist nicht ungewöhnlich, dass wir mit Patienten bis zu 30 Minuten am Tag trainieren, während sie in einer Phase der Hochdosis-Chemotherapie sind.

netzathleten.de: Jetzt haben wir immer über Sport während einer Krebserkrankung gesprochen. Noch besser wäre es natürlich, wenn man erst gar keinen Krebs bekäme. Daher abschließend: Kann Sport Krebserkrankungen verhindern?
Dr. Joachim Wiskemann: Auch dafür gibt es mittlerweile zahlreiche Hinweise. Das ist eigentlich sogar der am besten erforschte Bereich in Bezug auf Sport und Krebs. Es liegen sehr eindrückliche Daten über viele Krebsarten, von Mammakarzinom, Prostatakarzinom, Darmkrebs bis hin zu Lungenkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs vor, die allesamt zeigen, dass ein körperlich aktiver Lebensstil, definiert mit mehr als 150 Minuten Sport und Bewegung pro Woche, das Risiko an den genannten Krebserkrankungen zu erkranken um ca. 20 Prozent senken kann. Und das ist natürlich schon ein großer Wert. Es gibt aber auch hier Einschränkungen. Eine Krebserkrankung, bei der man ziemlich sicher weiß, dass vermehrte körperliche Aktivität keinen Einfluss hat, ist der so genannte Enddarmkrebs, also das Rektumkarzinom. Außerdem gibt es bei vielen kleinen Krebserkrankungen, wie zum Beispiel Hirntumoren, solche Beobachtungen bisher noch nicht. Sie treten so selten auf, dass die Kollektive, die man lange verfolgen kann, nicht groß genug sind, um wissenschaftlich valide Aussagen treffen zu können.

netzathleten.de: Und wie häufig tritt ein Enddarmkarzinom dann auf?
Dr. Joachim Wiskemann: Das Enddarmkarzinom ist nicht so häufig, aber auch keine sehr seltene Erkrankung. Etwa ein Drittel der Darmkrebserkrankungen weisen eine Beteiligung des Enddarmes auf, sodass die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr auf etwa 20.000 geschätzt wird. Die Erkrankung tritt bei Männer häufiger als bei Frauen auf.

netzathleten.de: Herr Dr. Wiskemann, vielen Dank für das Gespräch.