Ist die Natur Freund oder Feind?
Netzathleten: Ist die Natur für Dich eher Freund oder Feind? Es kann ja doch einiges passieren, seien es Wetterumschwünge, abbrechende Felsbrocken…
Stefan Glowacz: Ich denke, wer die Natur als Feind sieht, der lebt nicht lange. Ich bin eigentlich, und das stelle ich bei den Expeditionen immer wieder fest, nur Spielball der Natur. Ich bin derjenige, der genau herausfinden muss, wann ich weiter gehen kann und wann ich mich eingraben muss, weil die Witterungsverhältnisse einfach nicht passend sind. Das heißt im Klartext, ich muss mich auf die Natur einstellen und nicht umgekehrt. Andersherum würde das auch nie funktionieren. Zum Bergsteigen braucht man eine gewisse Demut. Man muss auch umkehren können. Ich muss akzeptieren können, dass auch mal nicht die idealen Voraussetzungen herrschen. Wenn ich nach Patagonien fahre und ich sehe, dass viel zu viel Schnee liegt, dann muss ich eben etwas anderes machen. Ich kann beim Bergsteigen nichts erzwingen und wer das versucht, der geht natürlich ein extrem hohes Risiko ein.
Netzathleten: Bist Du süchtig nach Extremen?
Stefan Glowacz: Süchtig – ich mag dieses Wort überhaupt nicht gerne; von irgendwas abhängig sein. Ich meine, jeder der irgendetwas sehr intensiv betreibt, der verbindet natürlich eine Leidenschaft für das, was er tut. In meinem Fall ist es eben das Extremklettern. Was mich treibt ist sicherlich die Neugier herauszufinden, wie man sich in Extremsituationen verhält und was man in der Lage ist zu leisten. Dabei muss aber Todesgefahr keine Rolle spielen. Eine Extremsituation kann auch sein, zwei Monate auf engstem Raum in einem Team zusammenleben zu müssen. Es ist sehr interessant, sich selbst dabei zu beobachten.
Netzathleten: Welche Charaktereigenschaften muss man mitbringen, um so extreme Klettertouren meistern zu können?
Stefan Glowacz: Die wichtigste Grundvoraussetzung ist natürlich die körperliche Leistungsfähigkeit. Die muss gegeben sein, da brauchen wir gar nicht darüber reden. Vor jeder Expedition muss man ein Anforderungsprofil erstellen, um genau zu wissen, auf was man sich speziell vorbereiten muss. Was kann ich gut? Was kann ich vernachlässigen? Und was kann ich eben nicht so gut? In welchem Bereich muss ich mehr trainieren? Ich denke, ein ganz wesentlicher Faktor – und zwar in allen Bereichen – ist die mentale Leistungsfähigkeit. Ich muss mich auch schon im Vorfeld immer wieder geistig mit dem auseinandersetzen, was ich vorhabe. Man muss sich das ganze Unternehmen immer wieder Abschnitt für Abschnitt visualisieren und in Gedanken durchspielen, um sich auf die Härte, die Ausgesetztheit, die Unannehmlichkeiten vorzubereiten und sie zu erspüren. Auf der anderen Seite ist das Visualisieren ein wichtiger Schritt, um auf Gefahrensituationen zu stoßen, an die man bei der analytischen Planung noch gar nicht gedacht hat.
- Stichwörter:
- Bergsteigen,
- Expedition,
- Extremsport,
- Klettern,
- Stefan Glowacz





