Stephan Keck
Stephan Keck

Stephan Keck

Bergsport / Shisha Pangma (2004), Nanga Parbat (2006), Mount Everest (2008), uvm.

Stephan Keck (25.09.1973), geboren in Schwaz in Tirol, ist Bergführer, Tourenguide, Ski- und Snowboardlehrer, sowie Mental- und Motivationstrainer. Der Extrembergsteiger ist auf den höchsten Bergen der Welt unterwegs, bestieg er doch 2004 mit dem Shishapangma seinen ersten Achttausender. Gemeinsam mit Derk Hoberg veröffentlichte er 2012 das Buch "Solo mit Familie", das von seinem spannenden Spagat zwischen Familienleben und Extrembergsteigen handelt.

Die Gesichter vergisst man nicht – Stephan Keck über das Lawinen-Unglück am Manaslu

Die Gesichter vergisst man nicht – Stephan Keck über das Lawinen-Unglück am Manaslu

Am 23. September starben 12 Menschen in einer Lawine am fünfthöchsten Berg der Erde, dem Manaslu in Nepal. Am frühen Sonntagmorgen war die Lawine völlig unvermittelt über ein Höhenlager mit knapp 30 Bergsteigern auf über 6.000 Metern hereingebrochen. Extrembergsteiger Stephan Keck, der sich mit seiner Expeditionsgruppe zu dieser Zeit im Basislager am Fuße des Berges aufhielt, war an der anschließenden Rettungsaktion beteiligt. Bei netzathleten.de spricht er nun erstmals über das Unglück.

 

netzathleten: Stephan, Du warst als Expeditionsleiter mit einer Gruppe am Manaslu unterwegs, als sich das schlimme Unglück ereignete…
Stephan Keck: Ja, es handelte sich um eine ganz normale kommerzielle Expedition von Kobler & Partner, bei der ich als Bergführer eingesetzt wurde. Wir sind über Kathmandu bis zum Basislager am Manaslu Expedition angereist. Zunächst lief auch alles nach Plan. Wir akklimatisierten uns und errichteten Lager I, als es fünf Tage lang heftig zu schneien begann.

netzathleten: Der Anfang allen Übels?
Stephan Keck: Im Nachhinein kann man das so nennen. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt auch extrem viele Bergsteiger am Manaslu, da Tibet keine Ausländer ins Land ließ und zahlreiche Bergsteiger, die ursprünglich zu den Achttausendern Cho Oyu oder Shishapangma wollten, zum Manaslu ausgewichen sind. Deshalb war wahnsinnig viel los dort im Basislager. Als sich das Wetter nach den fünf Tagen dann gebessert hat, waren die meisten darauf erpicht, möglichst schnell weiter hinauf zu kommen.

netzathleten: Was zu Fehleinschätzungen führen kann?
Stephan Keck: Das schöne Wetter und das Ziel vor Augen verleitet natürlich dazu, Gefahren zu unterschätzen. Allerdings war auch klar, dass oben sehr viel Schnee gefallen sein musste, das hat man auch mit dem Fernglas gesehen. Also sind wir am ersten Sonnentag im Basislager geblieben. Am zweiten auch. Da wurde unsere Gruppe natürlich auch ein wenig nervös, schließlich wollten auch meine Gäste das schöne Wetter nutzen, um voran zu kommen. In der folgenden Nacht kam die Lawine, die enorme Ausmaße hatte. Die Anrisskante war bis zu vier Meter hoch und etwa 250 bis zu 300 Meter breit. Ausgelöst wurde sie durch einen herausbrechenden Sérac (Turm aus Gletschereis, Anm. d. Red). Dazu stand das Lager vielleicht auch etwas zu tief, knapp unterhalb eines Bergsattels in einer Spalte. Das hat natürlich seinen Grund, schließlich ist man dort nicht so dem Wind ausgesetzt, wie es weiter oben wäre. In dem Fall war das aber fatal. Da kam also alles zusammen, was nicht sein sollte.

netzathleten: Habt Ihr die Lawine im Basislager gehört?
Stephan Keck: Nein, wir haben es erst gemerkt, als wir morgens aus den Zelten kamen. Andere Gruppen, die oben waren, ihre Lager aber woanders positioniert hatten, waren schon zu Fuß unterwegs zur Unglücksstelle. Sobald der Rettungshubschrauber da war, bin ich auch mit hinaufgeflogen, um zu helfen. Meine Hauptaufgabe war dann festzustellen, wie viele Leute oben sind, wie viele noch vermisst werden, wie viele tot sind. Ich musste folglich die Toten per Portrait fotografieren, damit die Expeditionsleiter unten Bescheid wissen. Die Gesichter der Toten werde ich sicher mein Leben lang nicht vergessen, die sind eingebrannt in meine Erinnerungen. Uns bot sich ein schockierendes Bild und man hat zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr viel helfen können. Acht Tote lagen direkt auf der Lawine, drei weitere wurden noch vermisst. Wie sich hinterher herausstellte, waren diese drei und ein weiterer ebenfalls ums Leben gekommen. Die Verletzten wurden mit dem Hubschrauber abtransportiert. Während ich in der Folge abstieg, informierte ich mein Team, was genau passiert war.

netzathleten: Ihr habt Euch dann im Basislager getroffen und beschlossen, dennoch aufzusteigen. Gab es da keine Skrupel, angesichts dessen was passiert war?

Stephan Keck: Das mag jetzt hart klingen, aber der Berg war ab diesem Zeitpunkt schneefrei und damit sicher. Das habe ich unserer Gruppe auch so mitgeteilt, damit sie sich beratschlagen konnten, wie wir weiter vorgehen würden.

netzathleten: Wie fiel der Beschluss aus?
Stephan Keck: Die meisten aus unserer Gruppe sprachen sich dafür aus, den Gipfel trotzdem anzugehen. Wir hatten geholfen wie wir konnten, und wenn wir abbrechen sollten, würde das auch keinen mehr lebendig machen. Wenn man es mal auf den Punkt bringt: Wenn ein Flugzeug abstürzt und es noch viel mehr Tote gibt, steigen am nächsten Morgen dennoch zigtausend Piloten in ihr Flugzeug und fliegen Fluggäste umher.

netzathleten: Und habt Ihr den 8.163 Meter hohen Gipfel erreicht?

Stephan Keck: Am 29. September hatten wir optimale Bedingungen, um den Gipfel anzugehen. Insgesamt fünf aus unserer Gruppe waren dabei, als wir ihn gegen 14:00 Uhr erreichten.

netzathleten: Ihr wart jedoch nicht die einzigen, die nach dem Unglück auf dem Gipfel waren. Kannst Du Reaktionen verstehen, die solches Verhalten verurteilen? Unter anderem war zu lesen, Bergsteiger würden sprichwörtlich über Leichen gehen…
Stephan Keck: Das ist immer das gleiche Thema und zumeist handelt es sich bei den Kritikern um Personen, die wenig Ahnung vom Bergsteigen haben. Ich kann das schon verstehen, dass man in dem Moment von zu Hause aus kein Verständnis für so etwas aufbringt. Ich persönlich habe dort oben auch einen guten Freund und weitere Bekannte verloren, mit denen ich zwei Tage zuvor im Basislager noch Kaffee getrunken habe. Ich war dort aber beruflich und vor allem dafür da, mich um meine Gäste zu kümmern. So lange es die Sicherheit zulässt, mache ich das, was sie wünschen. Das ist mein Beruf. Trotz allem kann dieses Schicksal jeden treffen und jeder, der sich in solch eine Extremsituation begibt, sollte darauf vorbereitet sein.


netzathleten: Das wissen auch Eure Expeditionsteilnehmer, die sich für teures Geld möglicherweise auch Sicherheit am Berg erkaufen wollen?
Stephan Keck: Ja. Das steht so auch in jeder Mail, die ich an Kunden verschicke: Bergsteigen kann tödlich enden. Wie auf einer Zigarettenschachtel. Das hat zwar rechtlich keine Bedeutung, aber ich lege darauf wert, damit jeder weiß, woran er ist. So frage ich auch beim ersten Teilnehmertreffen vor einer Expedition, ob testamentarisch alles geregelt ist. Wenn man bei Kari Kobler bucht, muss man vor der Expedition sogar ein Kuvert beim Bergführer abgeben, welcher Angehörige im Todesfalle zu benachrichtigen sei und wo man – im Falle des Falles – bestattet werden will. So lange man dieses Formular nicht ausgefüllt hat, sich also ernsthafte Gedanken gemacht hat, was alles passieren kann, darf niemand mit zum Berg.

netzathleten: Warum hast Du so lange gewartet, Dich überhaupt zu dem Unglück am Manaslu zu äußern?
Stephan Keck: Weil es den meisten Medien mehr um die Story als um die Menschen geht, die dort verunglückt sind. Wären am Manaslu über den Sommer verteilt so viele Menschen einzeln verunglückt, was durchaus an manchen Bergen vorkommt, ist das Medienecho um einiges geringer. Nur weil jetzt tragischerweise 12 Menschen in einer einzigen Lawine starben wird weltweit berichtet. Was mich schockierte war, dass ich nach dem Unglück innerhalb von zwei Tagen 50 Presseanfragen hatte. Die Zeitungen mit den großen Buchstaben boten mir viel Geld für die Fotos von den Toten. Das ist für mich moralisch viel mehr bedenklich, als dass wir nach dem Unglück noch einmal erfolgreich versucht haben, den Manaslu zu besteigen.

Fotostrecke

Lawine am Manaslu

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