Lena Asmus
Rhythmische Sportgymnastik / 11-fache Deutsche Meisterin, Europameisterschafts-Dritte, Olympia-Teilnahme in Sydney 2000
Lena ist am 5.5.1982 geboren. Sie ist Profi in der Rhythmischen Gymnastik. Lena ist zudem Personal Trainerin sowie Sportstudentin an der Deutschen Sporthochschule
Richtig Dehnen mit Lena Asmus
Kaum ein Thema ist in der Sportwissenschaft heute noch so umstritten wie das Dehnen (engl. Stretching). Lena Asmus, 11-fache Deutsche Meisterin in der Rhythmischen Sportgymnastik, bringt Licht ins Dunkel und erklärt, wieso Dehnen dennoch sinnvoll ist.
Die Liste der vermeintlichen Vorzüge des Dehnens ist lang: Durch Dehnen soll man leistungsfähiger werden, Verletzungen vorbeugen oder Muskelverkürzungen verhindern können. Dementsprechend ist Dehnen bei den meisten Sportlern immer noch ein integraler Bestandteil einer jeden Trainingseinheit.
Mehrere Studien haben allerdings in den letzten Jahren die Diskussion angeheizt, inwiefern Dehnen wirklich sinnvoll ist. In diesen Untersuchungen wurde unter anderem die Verletzungshäufigkeit bei erklärten Stretching-Freunden mit der von Dehnmuffeln verglichen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Dehnen schützt nicht vor Verletzungen.
Vergleich mit der Tierwelt
Allerdings bedeutet dies nicht, dass Dehnen per se sinnlos ist. „Um Sinn oder Unsinn von Dehnübungen beurteilen zu können, müssen wir das komplexe System von Muskeln, Sehnen und Gelenken im Gesamtzusammenhang betrachten“, sagt Lena Asmus. Ein Blick in die Tierwelt hilft uns weiter: Abgesehen vom Menschen, stretcht sich kein Lebewesen auf Erden systematisch. Man stelle sich nur einmal vor, dass eine Katze sich erst noch dehnen müsste, bevor sie einer Maus hinterherjagt. Die Natur hätte sicher etwas falsch eingerichtet, wenn einer ungedehnten Katze auf der Jagd ernsthafte Verletzungen drohen würden.
Dennoch strecken sich Hunde und Katzen regelmäßig, etwa nach dem Aufstehen. Es muss also in jedem Fall ein Sinn hinter dem Dehnen stecken. Und den gibt es tatsächlich. Lena Asmus: „Durch Dehnübungen erhöht sich die Beweglichkeit, der Muskeltonus (Spannung in der Muskulatur) wird reduziert und muskulären Dysbalancen (Ungleichgewicht zwischen den Muskeln) wird entgegengewirkt.“
Über das Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken
Muskeln haben die Aufgabe, Gelenke zu bewegen. Ein Muskel tut dies, indem er sich aktiv verkürzt. Er zieht sich zusammen und wirkt dadurch auf ein Gelenk ein. Eines kann dieser Muskel jedoch nicht: das Gelenk wieder in die Ausgangsstellung bringen. Dafür sorgt entweder die Schwerkraft oder der entsprechende Gegenspieler (Agonist-Antagonisten-Prinzip). Für jede Gelenkbewegung sind folglich Muskelpaare verantwortlich; der eine Muskel streckt, der andere beugt das Gelenk. Kommen Agonist und Antagonist, etwa durch Fehlhaltungen, aus dem Gleichgewicht, verkürzt sich die Muskulatur oder wird schwächer.
„Ein gutes Beispiel dafür ist der Schultergürtel: Aufgrund von täglicher Schreibtischarbeit sitzen wir in gebeugter Haltung vor dem Bildschirm. Kopf und Rücken wölben sich nach vorne, die Muskeln des rückwärtigen Schultergürtels werden gedehnt und mit der Zeit schwächer“, sagt die studierte Sportlehrerin. Im Gegenzug verkürzt sich die Brustmuskulatur, der Muskeltonus steigt. Diese muskuläre Dysbalance verfestigt sich mit der Zeit. Das Ergebnis ist eine Fehlhaltung, die zu Verspannungen und Rückenbeschwerden führen kann.
Mit ein bisschen Dehnen wirst Du dieses Ungleichgewicht kaum in den Griff bekommen. Es wäre auch vermessen zu erwarten, dass 20 Minuten Stretching 8 Stunden gebeugtes Sitzen ausgleichen können. Durch gezielte Dehnübungen ziehst Du die verkürzte Muskulatur zwar wieder in die Länge, doch dafür fehlt die Kraft im Gegenspieler. Die Fehlhaltung bleibt also bestehen. Um die muskuläre Balance wiederherzustellen, musst Du daher erst Deine geschwächten Muskeln gezielt kräftigen, bevor Du die verkürzten Muskeln in die Länge ziehst. Und dann macht Dehnen auch wirklich Sinn.
Es gibt 2 Kommentare
| Jörg B. schrieb am 17.07.09 um 14:52 |
Und wenn du Muskelkater als Erholung für strapazierte Muskeln empfindest, dann kannst du ruhig nach intensiven Trainingseinheiten weiter dehnen. Aber empfehlen würde ich das nach heutigem Kenntnisstand nicht. Krafttraining beansprucht die Muskeln stark und schädigt die Strukturen. Dehnst du nach dem Training, verschlimmern sich diese Mikrotraumen und führen zu Muskelkater. Eine Studie mit Turnerinnen hat gezeigt, dass der Muskelkater nach Krafttrainingseinheiten schlimmer ausfällt, wenn anschließend gedehnt wurde.
Es stimmt, dass Sportarten, die für die richtige Bewegungsausführung eine hohe Beweglichkeit erfordern, eine Ausnahme darstellen. Dementsprechend ist Dehnen beim Aufwärmen unerlässlich. Aber für Joggen beispielsweise braucht man keine besondere Beweglichkeit, deshalb kann man vor seinen Laufeinheiten getrost aufs Dehnen verzichten. Es kommt eben auf den jeweiligen Sport und die Intention an, die man mit Stretching verfolgt.
| Thomas G. schrieb am 17.07.09 um 13:25 |
Vlt. auch nur etwas falsch gemeint, aber Dehnen nach Beanspruchung hat durchaus eine erholende Wirkung. Denn, die Muskeln werden beansprucht und der Muskeltonus wird heraufgefahren. Dadurch, dass Dehnen den Muskeltonus senkt, kann hier also schonmal erste Erholung erzielt werden.
Einige Sportarten, wie Turnen oder RSG verlangen einen niedrigen Muskeltonus, bei meinen Beispielen wird ja auch Hypermobilität verlangt (z.B. Bogengang). Von daher hat hier das Dehnen eine unterstützende Wirkung, es erhöht die Leistungsfähigkeit, man sagt um 5%. Wird ja im letzten Absatz nochmal angesprochen...
Das klingt jetzt ein bisschen hart (wie ich selber zugeben muss *g*), will aber nochmal erwähnen, dass ich den Artikel sehr gut gelungen finde.














