(Gewichtheben)
(von Harald Strier, BVDG-Pressereferent)
Olympia-Qualifikationsturnier im Olympiastützpunkt Rhein-Neckar Heidelberg
- Steiner mit Weltjahresbestleistung
- Spieß mit Norm
- Shaloyan vor Olympia
Das war Gewichtheben vom Feinsten. In jeder Beziehung. „Eine tolle Veranstaltung, hat totalen Spaß geamacht", sagte etwa Martin Wittmann. Der junge Mann, professioneller Beobachter als Sportjournalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hatte mit dem Olympia-Qualifikationsturnier im Heidelberger Olympiastützpunkt Rhein-Neckar seinen ersten Gewichtheber-Wettkampf überhaupt live gesehen, kannte die Sportart nur vom Fernsehen und aus der Zeitung. Doch Menschen, Atmosphäre und die Leistungen hatten es ihm angetan. Das Organisationsteam mit BVDG-Geschäftsführer Jochen Stüber und Leistungssportreferent Michael Vater an der Spitze hatte bis in die Nacht vor der Veranstaltung beinhart gearbeitet, doch der Lohn war eben diese blitzsaubere Veranstaltung. Es mutete wie ein Geschenk für dieses Team an, dass die Halle trotz bestem Wetter und anderen Attraktionen in der Region nicht nur voll war, sondern die Zuschauer auch schlicht Weltklasse zu sehen bekamen.
Matthias Steiner war eigentlich nicht der, um den es hier ging. Doch wenn es sich jetzt um das deutsche Gewichtheben im Bereich Leistungssport handelt, dann eben in erster Linie um ihn. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal so einen erstklassigen Superschweren betreuen würde", sagte Cheftrainer Frank Mantek nach dem Wettkampf. Denn es war erneut der seit Anfang des Jahres eingebürgerte Steiner, der die Leute von den Sitzen riss, der die Weltklasseleistung produzierte, die das i-Tüpfelchen auf einer bis dahin schon auch sportlich hervorragenden Veranstaltung ausmachte.
Der gebürtige Österreicher hatte schon bei seinen letzten Auftritten überragt, dem Mannschaftsfinale in Obrigheim, als er seinem AC Chemnitz erst scheinbar den Sieg gesichert hatte, den letzten Powerversuch aber ungültig gewertet bekam. Er war Europameister im Reißen geworden, mit 446 Kilo Zweiter im Zweikampf – und jetzt war er noch besser als bei der EM – und überraschte damit nicht nur die Zuschauer und seinen Trainer, sondern auch ein wenig sich selbst. „Ich möchte über 240 Kilo stoßen", hatte er noch am Abend vorher in größerer Presserunde verkündet.
Schon im Reißen trieb Frank Mantek ihn zu neuer Höchstleistung. 200 Kilo waren angesagt, Mantek ließ ein Kilo mehr auflegen – ein Kilo mehr als bei der EM, ein Kilo damit mehr als die bisherige Bestleistung des 26-Jährigen. Und Steiner legte einen blitzsauberen Versuch hin, technisch total sauber, viel besser noch als sein wackeliger 185-kg-Einstieg. Schon da zeigte er die Faust des Siegers – und er war damit angekommen im Wettkampf. „Denn ich hatte mich zuvor gar nicht so gut gefühlt", bekannte er später. „Dann macht er seine besten Wettkämpfe", hat Frank Mantek bereits erkannt. So gut kennt er sein neues Juwel nach den wenigen gemeinsamen Auftritten auf der Bühne schon.
Respekt bei der Konkurrenz
Nach dem Sicherheitsversuch von 227 kg im Stoßen brachte der Diabetiker Steiner mit 240 recht sicheren Kilo im zweiten Versuch die Halle schon zum Kochen, und sein Ziel, auf über 440 Kilo im Zweikampf zu kommen, war erreicht -– doch er kam noch einmal zurück auf die Bühne. Ein Raunen ging durchs Publikum, als die Last an der Anzeigetafel in roten Digitalziffern aufleuchtete: 250 Kilo. Das waren vier Kilo über Steiners Bestleistung, und das war viel mehr als ein wenig über 240. Der 145 Kilo schwere Athlet ging an die Hantel, zeigte Kraft gepaart mit bester Technik und stieß unter dem Jubel des Publikums die Hantel in die Luft, dass sie sich an beiden Seiten nach unten bog. Steiner jedoch stemmte so viel Kraft dagegen, dass er sie hielt. 250 Kilo, damit ist er in neue Dimensionen vorgestoßen. „So viel wollte ich gar nicht heben." Jetzt ist für Frank Mantek klar: „Wir wollen eine Medaille, und wir wollen Gold. Wir wollen, dass der stärkste Mann der Welt ein Deutscher ist."
Seit jenem 5. Juli um 18.52 Uhr ist die Möglichkeit, dass dies ab dem 19. August irgendwan um die späte Mittagszeit in Mitteleuropa so ist, stark gestiegen. Denn Steiner verbesserte nicht nur alle seine persönlichen Bestleistungen, er legte mit 451 Kilo auch die Weltjahresbestleistung in diesem offiziellen Wettkampf hin. Damit führt er die Bestenliste des Superschwergewichts an – auch ein Faktor, der der Konkurrenz Respekt vor diesem für sie fast neuen Konkurrenten einflößen wird.
Spieß mit Bestleistung
Die Operation Medaille ist ein Stück weiter auf den Weg gebracht, und das Team nimmt Formen an. Almir Velagic hielt sich zwar in Heidelberg mit 385 kg im Zweikampf des Superschwergewichts ein wenig zurück, weil ihn ein freier Gelenkkörper im linken Ellbogengelenk behinderte, aber er ist ja schon fest nominiert. Das aber hatte Jürgen Spieß noch vor sich, er musste in der Kategorie bis 94 kg die Norm von 373 Kilo knacken. Diese Norm war nach den positiven Dopingfällen in Griechenland und Bulgarien um zwei Kilo abgesenkt worden, denn die Sportler dieser Länder fielen wegen ihrer Manipulationen aus den internationalen Ergebnislisten heraus.
Spieß zeigte in Heidelberg jedoch von Anfang an, dass er das letzte Hindernis für sein Peking-Ticket mit aller Willenskraft aus dem Weg zu räumen gedachte. Im Reißen startete er völlig planmäßig, steigerte sich über zwei Drei-Kilo-Schritte von 167 über 170 zu 173 kg – und damit zur neuen persönlichen Bestleistung. Seine alte Marke überbot er um zwei Kilo. „Da ist bis zu den Spielen noch mehr drin", glaubt Trainer Frank Mantek.
Erleichterung pur bei Spieß
Und fand offensichtlich, dass Spieß jetzt lange genug auf seine Fahrkarte nach Peking gewartet hatte. Denn der „Capitano" des deutschen Teams startete mit 200 kg ins Stoßen, also gleich mit der Norm. „Jürgen kann viel mehr, aber die Norm muss jetzt erstmal her." Welche Zentnerlasten gemeinsam mit den 200 Kilo auf die Bretterbohlen krachten, als Spieß diesen Versuch erfolgreich hinter sich gebracht hatte, zeigte der 24-Jährige mit seiner Jubelorgie danach. Er riss die Arme hoch, zeigte mit den Zeigefingern nach oben, riss an seinem Trikot, als wollte er dessen Festigkeit testen. Endlich war dieses Thema durch, pure Erleichterung.
Und im Gefühl, seinen Job gemacht, den großen Druck abgestreift zu haben, hob er noch 205 kg, verbesserte seine Zweikampf-Bestleistung um eben diese fünf auf 378 kg, und um ein Haar hätte er auch noch 210 kg geschafft, die er ausstieß, aber nicht halten konnte. Diese 210 sollen es in Peking werden, mindestens. „Wenn Jürgen bei Olympia auf 385 kg kommt, wäre das ein Weltklasseergebnis." Und sollte locker für einen Rang unter den besten Acht langen.
Shaloyan mit Kämpferherz
Bei aller Freude über die Leistung des Neulußheimers – sie war erwartet worden. „Die Frage nach dem „Wenn", was eben passieren würden, wenn es Spieß nicht schaffen würde, hatte Mantek am Vorabend im Hintergrund-pressegespräch vom Tisch gewischt. „Jürgen schafft das." Den Siegeswillen, den Erfolgshunger, den Mantek ausstrahlt, gibt er eins zu eins an seine Athleten weiter – und die brennen. Doch auch er, jetzt seit 1990 für den BVDG im Trainergeschäft, ist vor Überraschungen nicht gefeit. Er hatte nicht so richtig daran geglaubt, dass er am Ende des Qualifikationsturniers einen vierten Mann nach Steiner, Velagic und Spieß zur Nominierung dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zur letzten Nominierungssitzung am 15. Juli präsentieren würde. Doch er konnte.
Zunächst hatte Leichtgewichtler Artyom Shaloyan das Glück, dass auch seine Norm um zwei Kilo, von 310 auf 308, reduziert wurde, im Zuge der Dopingfälle. Und dann hatte der gebürtige Armenier das Herz, alles aus sich herauszuholen, zu kämpfen, diese letzte Chance unbedingt nutzen zu wollen. Die Hoffnungen schienen jedoch begraben zu sein, als er im dritten Reißversuch 138 kg vorzeitig fallen ließ. Sein Bestleistung hatte er mit 136 kg dennoch um 1000 Gramm überboten. Doch der 32 Jahre alte Familienvater aus Speyer ließ sich nicht beeindrucken, auch nicht von den missglückten 169 kg im zweiten Stoßversuch. Er kämpfte unverdrossen weiter, und mit Versuch Nummer drei hatte er sie oben, jene 169 kg. Damit kam er auf 305 kg im Zweikampf, hatte seine Bestleistung eingestellt, aber die Norm um drei Kilo verfehlt.
Schwarzbachs großer Sprung
Für Mantek gab es jetzt keine Frage mehr. „Sicher werden wir Artyom zur Nominierung vorschlagen", antwortete er auf noch leicht zweifelnde Fragen. „Und er hätte es sich auch verdient, mitgenommen zu werden." Denn schließlich hatte er ja selbst ihn, Mantek, überrascht, weil er so nahe an die Norm herangekommen war.
Für Tom Schwarzbach reichte es hingegen nicht. Er hätte 355 kg in der Klasse bis 85 kg stemmen müssen. Er kämpfte zwar wie Shaloyan, sein direkter Konkurrent an diesem Tag, ließ ebenfalls zwei Kilo im Reißen durch die missglückten 153 kg im Dritten, liegen, schaffte wie Shaloyan sein Maximalgewicht von 195 kg erst im dritten statt zuvor im zweiten Versuch, doch bei 346 kg lag der 21-Jährige zu weit von der Norm entfernt. Aber er heimste dennoch viel Lob ein. „Meine Anerkennung, schließlich hat Tom seine Bestleistung hier um 15 Kilo gesteigert. Er hat, auch zusammen mit seinem Heimtrainer Stefan Grützner, hervorragend gearbeitet." Schwarzbach, der in allen Nachwuchskadern des BVDG aufgetaucht war, ist zweifelsohne auf einem guten Weg. Ein junger Mann, der ohnehin mehr London 2012 als Peking 2008 im Blick haben sollte.
Kranz mit sich zufrieden
Bei den Frauen war die große Spannung heraus. Julia Rohde präsentierte sich topfit. Die einzige deutsche Starterin bei Olympia blieb mit 186 kg nur um zwei Kilo unter ihrer bei den Europameisterschaften in Italien gezeigten Bestleistung. Sie ist auf einem guten Weg, und die Vorstellung des nur 155 Zentimeter großen Kraftbündels wirkte beeindruckend auf die Zuschauer. Ihr Aufwärtstrend geht offensichtlich weiter, selbstbewusst mit ihren gerade 19 Jahren schreitet sie immer weiter Richtung Weltspitze voran.
Auch Yvonne Kranz, die sich als Ersatzfrau die gesamte Zeit mit Rohde vorbereitet hat, zeigte besonders im Stoßen einen gute Leistung. Mit 127 Kilo wartete sie auf, nachdem sie im Reißen den letzten Versuch mit 98 kg ungültig hatte. „Endlich mal wieder fünf gültige Versuche", strahlte die Suhlerin, bei der es in den Wettbewerben zuvor nicht wie gewünscht gelaufen war.
Dabaya mit Weltklasseform
Auch international gab es Gründe für Jubel. Vor allem galt dies für den Belgier Tom Goegebuer, der mit 260 Kilo und sechs gültigen Versuchen – das gelang außer ihm nur Matthias Steiner – die Olympiaqualifikation in der Klasse bis 56 kg geschafft hatte, auch wenn er bis Peking noch drei Kilo abspecken muss. Der zweimalige Olympiazweite, Marc Huster , als Moderator – ihm gelang es, beste Stimmung und hohe Fachkenntnis für das Publikum ideal zu transportieren – bat Cheftrainer Mantek um dessen Abschlussresümee. Absolute Weltklasse, das hob Mantek besonders hervor, war die Vorstellung des französischen Weltmeisters im Reißen, Vencelas Dabaya. Gegenüber seiner Zweikampflast der letzten WM in Chiang Mai, als er Vierter wurde, steigerte er sich um neun auf 339 kg in der Klasse bis 69 kg, allerdings mit 3,7 kg Übergewicht. Die Franzosen und Spanier mit der Vize-Europameisterin Lydia Valentin an der Spitze, die auch die Relativwertung gewann, trugen sehr zum Gelingen der Show bei – und blieben, wie alle, noch lange und gern zusammen draußen auf dem Parkplatz beim Sommerfest des BVDG – das seinen Namen ob der Temperaturen absolut verdient hatte.
- Begeisternde Atmosphäre mit 1.000 Zuschauern / Vorzeigeveranstaltung
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