(Marathon)
New York Marathon 2008 - ein Blick hinter die Kulissen eines Laufveranstalters (4.Teil)
Sonntag, 2. November
Bisher war alles nur maues Vorgeplänkel. Heute wird es ernst!!
Dummerweise war es gestern Abend noch recht lustig und entsprechend spät, aber um der weltweiten Vorreiterrolle der USA gerecht zu werden und noch mehr Energie einzusparen als alle anderen Nationen zusammen, ist Uncle George aus W. im letzten Jahr von dem grandiosen Einfall ereilt worden, in diesem seinen besten Land der Welt die Sommerzeit noch eine gestandene Woche länger gelten zu lassen als bisher und die Uhren erst am ersten Novemberwochenende wieder um eine Stunde zurückzudrehen. Was anderen ahnungslosen Zeitgenossen wie ein Anfall von Grössenwahn erscheinen mag, ist für den geneigten Marathon-Läufer-Betreuer (und natürlich auch für seine Läufer) ein wahrer Segen, denn der Bus zum Start steht pünktlich um halb sechs vor dem Hotel. Ich gebe meinen Leuten noch ein paar Tips mit auf den Weg, wünsche allseits viel Erfolg und verkrieche mich dann wieder ins warme Bett. Der Tag wird noch lang genug.
Letztes Jahr hatte ich das grosse Glück, dass mir Kollegen vom München Marathon ein "Ich-bin-wichtig-Schild" für Start und Ziel organisieren konnten. So hatte ich das seltene Privileg, als Nicht-Läufer den Startbereich besuchen zu können und mich dort frei bewegen zu dürfen. Ein einmaliges Erlebnis. Heuer bin ich froh, dass ich noch ein bisschen länger schlafen darf. Es ist - mit Verlaub gesagt - schweinekalt draussen und ich beneide die Läufer wahrlich nicht, die draussen in Staten Island stundenlang die Zeit totschlagen müssen, nervös wie die Rennpferde, bis es endlich losgeht. Da der New York Marathon alle fünf Stadtteile verbindet, erfolgt der Start in Staten Island auf der Verrazanobrücke, die sich Jahr für Jahr als limitierender logistischer Faktor erweist. Denn wer nicht den Umweg über New Jersey nehmen will, muss über die Brücke. Läufer, Offizielle, Begleitfahrzeuge, alle! Und damit alles reibungslos verläuft, wird die Brücke um sieben Uhr gesperrt. Wer bis dahin nicht im Startdorf ist, hat Pech gehabt. Lustig ist es nicht, dann noch rund drei Stunden warten zu müssen. Zum Glück regnet es nicht.
Als unsere Leute dann endlich unterwegs sind, machen sich meine Kollegen auf den Weg zum Columbus Circle, um den interessierten Begleitpersonen eine Chance auf die bestmöglichen Tribünenplätze in Zielnähe zu ermöglichen. An der Zielgeraden selber zu sitzen, ist in Zeiten von Sponsoren und VIPs leider nahezu unmöglich geworden, will man nicht wirklich tief in die Tasche greifen.
Währenddessen mache ich das New Yorker U-Bahn System unsicher und begebe mich in meiner Funktion als firmeninterner Streckenfotograf auf meinen eigenen kleinen Marathon. Zunächst geht es nach Brooklyn zu Meile 8, um ein paar Eindrücke für Fotogalerie und Webseite zu erhaschen.

Und davon gibt es wahrlich mehr als genug. Als mich der Number 4 Train an der Atlantic Avenue wieder ans Tageslicht spuckt, beamt mich der Sound einer Liveband schier über die Strasse. Die Leute stehen in Fünferreihen, es ist kaum ein Durchkommen. Und die kalten Schauer, die mir über den Rücken laufen, sind garantiert nicht auf die frischen Aussentemperaturen zurückzuführen.
Der nächste Stop erfolgt in Manhattan an der 59th Street Bridge, an die Läufer auf dem Weg in die Bronx in die scheinbar endlos ansteigende 1st Avenue abbiegen. Fast vier Meilen lang - etwa sechs Kilometer - geht es hier nur geradeaus. Durch den leichten Anstieg sieht man vor sich nur wippende Köpfe. Läufer's Alptraum, nach rund zwei Dritteln der Strecke.

Die Zuschauer stehen dicht gepackt, an der Seite der Rampe, und hinter der Unterführung ist es so eng, dass ich einen Umweg um den nächsten Block mache, um einen guten Blick erhaschen zu können. Die Stimmung vibriert bis tief in die Magengegend, meine Nackenhaare üben sich im Senkrechtstehen. In der Unterführung hallt es atemberaubend. Schliesslich gelingt es mir aber doch, mich loszureissen und die nächste U-Bahnstation zu finden. Je weiter ich mich Crosstown begebe, desto ruhiger wird es. Abseits der Marathonstrecke erscheint die Stadt seltsam verwaist, beinahe unheimlich still.
Ich fahre hinauf in die Bronx. Am Grand Concourse verebbt der Läuferlindwurm langsam. Aber am Ende des Feldes findet die wahre Leistung statt, ist der Schweinehund am grössten. Während des Marathons kommt der besondere Flair der Bronx besonders zur Geltung, kann es durchaus passieren, dass hier, etwa 10km vor dem Ziel, die erste Gehpause schlichtweg nicht gestattet ist. "You don't walk in the Bronx!" ("In der Bronx wird nicht gegangen!") hat vor ein paar Jahren der grosse schwarze Kerl, der auf einmal vor ihm stand, einem unserer Läufer zugeraunt, der dann auch brav wieder zu laufen begann. Mit Erfolg, hat er doch bis zum Ziel auch nicht mehr damit aufgehört und eine persönliche Bestzeit erreicht.

Der New York Marathon erzählt Geschichten, wie man sie anderswo kaum erlebt. Eine Teilnehmerin, bei ihrem ersten Marathon, war vor dem Rennen von ihrere Freundin noch entsprechend motiviert worden. "Im Ziel", hatte sie ihr versprochen, "wartet ein gutaussehender Amerikaner auf dich, blond und hochgewachsen, der hängt dir dann die Medaille um. Das willst du dir doch nicht entgehen lassen!" Nein, natürlich wollte sie das nicht. Und so liess sich die Läuferin von dem Gedanken an einen gestählten blonden Jüngling beflügeln, bis sie hinter der Ziellinie, man ahnt es, von einer üppigen farbigen Dame kräftig an deren Busen gedrückt wurde. Und nie war sie so glücklich wie in diesem Moment, denn mit einer solch herzlichen Gratulation hatte sie nicht gerechnet.

Ich mache mich auf den Weg zum Zielbereich, wo das Team mit Fahnen und Salzkeksen ausgestattet, auf unsere erfolgreichen Zeilankömmlinge wartet. Die Erfahrung lehrt, dass die Teilnehmer am Ende des Marathons von süsser Verpflegung, vor allem von allerlei unergründlichem klebrigen Zeug, das auf Geheiss der Sponsoren hinter der Ziellinie gereicht wird, die Schnauze gestrichen voll haben - im wahrsten Sinne des Wortes. Unsere Brezelchen gehen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, und es freut uns immer wieder, durchweg in erschöpfte aber glückliche Gesichter zu blicken. Strahlende Gestalten, in Folie gehüllt, alle mit einer Medaille behängt, machen sich auf den Weg zurück ins Hotel. Die gute Stimmung fällt aufs Team zurück.
Leider hält diese Stimmung aber nicht lange. Unter Zeitdruck geht es unter die Dusche, in frische Klamotten, zu unserer eigenen After Race Party, der Dinnercruise. Mit der Spirit of New York um die Südspitze Manhattans, unter den grossen Brücken hindurch, die beleuchtete Skyline vor sich, dazu ein feines Buffet und ein Showprogramm, ein Stop vor der angestrahlten Freiheitsstatue... der Testlauf im vorigen Jahr war äusserst vielversprechend. Doch das Schiff hat den Besitzer gewechselt, die Gesellschaft hat unsere Gruppe überbucht, das Buffet ist eher übersichtlich und die Showgruppe trifft den Ton nicht. Die ganze Veranstaltung ist uns derart peinlich, dass wir froh sind, im Unterdeck zu sitzen.
Andererseits: bisher war alles so reibungslos verlaufen, irgendwann musste ja mal was schiefgehen.
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