(Fußball)
München - Franz Beckenbauer Tritt nach 15 Jahren als Bayern-Präsident ab.
Stuttagrt - In der Hauptversammlung des FC Bayern machen sie den Präsidenten am Freitag einen Kopf kürzer. Am Ende des Abends wird Franz Beckenbauer nur noch Ehrenpräsident sein, und viele schließen daraus: Die Macht, die der Kaiser dann noch hat, ist die eines Grüßgottonkels. Was natürlich ein Kaiserschmarrn ist.
Das Unsinnsgerücht, dass der Franz beim deutschen Rekordmeister schon länger eigentlich nichts mehr zu melden habe, hat schon vor einiger Zeit der Bayern-Manager kräftig unterstützt. In einem seiner vielen zündenden Interviews hat Uli Hoeneß damals die Bombe platzen lassen und mal behauptet, dass "nur der Hopfner, der Rummenigge und ich wissen, was bei den Bayern läuft". "Und der Beckenbauer?", fragte wie vom Blitz getroffen der rasende ZDF-Reporter Rolf Töpperwien. "Der weiß auch nix", trumpfte Hoeneß auf.
Was reines Wunschdenken war. In Wahrheit hat die dreiköpfige Elefantenrunde aus dem Manager Hoeneß, dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge und dem Geschäftsführer Karl Hopfner vor jedem Machtwort des kaiserlichen Präsidenten jeden Tag gezittert, speziell vor seinen "Bild"-Kolumnen, oder wo und wie immer er sich gerade zu Wort meldete.
Beckenbauer mit dem letzten Wort
Und wenn die Bosse der Bayern gelegentlich einen Trainer oder einen Star wie Franck Ribéry öffentlich stützen wollten, hat Beckenbauer garantiert denselben anderntags vehement an den Pranger gestellt. Der Präsident hatte zwar nicht mehr das entscheidende Wort, dafür aber immer das letzte. Und vorschreiben lassen hat er sich erst recht gar nichts.
Einmal, als die Bayern für die Telekom und das Bier von Paulaner warben, ging ihr Präsident sogar für die Konkurrenz von O2 und Erdinger in die Bütt, und Rummenigge und Hoeneß hätten ihn deswegen zweifellos als Firlefranz liebend gerne entmündigt - aber weil es halt der Franz war, flehten sie ihn lediglich durch die Blume an, doch lieber das zu tun, was er am besten konnte: durch die Welt fliegen, Tausende Hände schütteln, Servus sagen - und sich daheim aus den Geschäften raushalten.
Ist der Beckenbauer, wie der Hoeneß unlängst gebrummt hat, wirklich "nicht mehr nah genug dran am Geschehen"? Da wird sich der kommende Bayern-Präsident aber noch sehr wundern. Denn besser als der Beckenbauer kann man gar nicht auf Ballhöhe sein. Keiner ist so präsent und so allgegenwärtig, und das in der unterschiedlichsten Form und mit so vielen Herrschertiteln versehen, dass ihn Boris Becker als Moderator einer TV-Talkshow einmal hilfesuchend mit der Frage begrüßte: "Wie soll ich dich nennen: Kaiser, Lichtgestalt - oder Franz?"
Omnipräsenz der Lichtgestalt
Keinen anderen Menschen gibt es so oft wie Beckenbauer. Wenn der deutsche Fußball in der Vergangenheit einen Runden Tisch einberief, saß dort zunächst einmal der Franz als Kaiser, und flankiert wurde er von einer ganzen Latte weiterer stimmberechtigter Beckenbauer, nämlich dem Bayern-Präsidenten, dem Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, dem Exweltmeister (als Spieler 1974), dem Exweltmeister (als Trainer 1990), dem Organisator des Sommermärchens von 2006, dem Vorsitzenden der Bundestrainerfindungskommission, dem TV-Experten, dem "Bild"-Kolumnisten, und so weiter.
Und so einer soll am Freitag bei den Bayern in der Versenkung verschwinden? Gar nichts wird sich ändern. Der Kaiser wird sich weiter gewichtig zu Wort melden, manchmal gleichzeitig von fünf verschiedenen Orten. Wozu hat er schließlich seine ungezählten Doppelgänger. Mit ihrer Hilfe hat er sich immer im Blickpunkt gehalten, erinnern wir uns der WM 2006, als Beckenbauer im Akkord 48 Spiele besuchte. Mit heraushängender Zunge hechelten er oder seine Doubles nach jedem Schlusspfiff zum Hubschrauber, föhnten sich geschwind die Frisur, stiegen eine halbe Stunde später in einer anderen Stadt wieder aus, eilten hastig zum Pinkeln und von dort auf die nächste Tribüne - bis heute ist die Frage ungeklärt: War es wirklich der Kaiser selber, den die Kanzlerin Angela Merkel damals abbusselte, oder hat er sich an dem Tag jenes Spaßvogels bedient, der normalerweise nur als dreiste Franz-Fälschung und Beckenbauer-Imitator in Comedy-Sendungen auftritt?
Kein Mensch würde sich wundern, wenn der Kaiser auch am Freitag, an seinem letzten präsidialen Tag, als Vielflieger noch mal den Franzdampf an allen Fronten macht - man kann getrost davon ausgehen, dass er in der Früh womöglich im Vatikan mit dem Papst Kaffee trinkt, übern Mittag noch schnell eine Runde golft auf Mallorca, und auf dem Flug zum Frisör in Kitzbühel kommt dann einem falschen Franz im Luftraum über Salzburg der echte Beckenbauer entgegen, der gerade auf dem Weg ist nach München, zur Hauptversammlung, wo sie ihn am Abend herunterstufen zum Ehrenpräse. Was aber wirklich nichts heißt.
Alles bleibt anderes
Der Franz ist der Franz, und sein Machtwort wird weiter nicht ungehört verhallen, da kann der künftige Präsident Hoeneß behaupten, was er will. Ehe der Kaiser einmal nichts mehr zu sagen hat, wird er vorher mindestens noch Papst, Kanzler oder Fifa-Präsident. Nein, er wird seinen Bayern wortgewaltig erhalten bleiben, weiter pro Tag gleichzeitig seine zwei bis drei widersprüchlichen Meinungen von sich geben und sich selber, wenn nötig, übers Maul fahren. Oder dem Hoeneß, der auch künftig als neuer Präsident wie gehabt stöhnen wird: "Ach, der Franz." Deshalb: keine Nachrufe auf den Beckenbauer. Der geht zwar als Bayern-Präsident, aber der Franz bleibt. Den werden sie an der Säbener Straße in München nicht los.
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