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Erstbegehung von Aquarius (Schweiz, 8b/+) - Gelegenheit macht Diebe

07.08.2009
Klettern: Erstbegehung von Aquarius (Schweiz, 8b/+) - Gelegenheit macht Diebe
© Foto: Pirmin Bertle
 

(Klettern) Dirk Uhlig über seine Erfahrung bei der Erstbegehung von "Aquarius" (8b/+)in der Schweiz.

Der ursprüngliche Plan war es mit Freunden in die Gastlosen/ Schweiz zu fahren um Mehrseillängentouren zu klettern. Dort angekommen machte uns aber schnell das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung. Bei ständigen Regenschauern und frostigen Temperaturen sahen wir erst einmal keine Möglichkeit in eine 300-Meter-Wand mit Plattenseillängen einzusteigen. Als Alternative gingen wir Sportklettern an den kurzen Baseclimbs dieses fantastischen Gebirgszuges. Regenschauer wurden unsere verlässlichen Begleiter auf dem langen Abstieg zum Parkplatz. Im Sektor Gross Turm Nord fanden wir schöne Linien im besten Kalk. Eine Linie im rechten Teil dieser Wand fiel aber aus dem Rahmen. Der Gross Turm ist etwa 300 Meter hoch und eigentlich nur ein kleiner Abschnitt in der Gastlosenkette. Er besticht durch seine gelbe Farbe im Bereich der Baseclimbs. Bis auf einen cirka 70 Meter langen grauen Wasserstreifen. Letztes Jahr bohrten die Brüder Rebetez und Adrian aus Fribourg diese phantastische Linie ein. 23 Haken setzten sie teils im Vorstieg um diese lange Route kletterbar zu machen. Da sie bis letzte Woche noch Projektstatus hatte und es in der Schweiz nicht so einen Erstbegehungskleinkrieg wie in Deutschland gibt, durfte ich mich in der Route probieren.


Schon das erste Ausbouldern dieser Monstertour begeisterte mich und ich war heiß darauf, den Umlenker zu klippen. Die ersten 10 Meter sind noch Schrofengelände doch dann kommen 30 Meter leicht überhängende Wandkletterrei mit einem kleingriffigen Boulderfinale. Hat man dieses überstanden kann man sich recht unbequem in einer offenen Verschneidung runterschütteln bis die Waden zulaufen und eine 10-Meter-Passage mit pressigen Slopern im Grad 7b/c beginnt. Der Höhenmesser zeigt nun schon 60 Meter über Start an. Die restlichen 10 Meter sind dann noch vergleichsweise leichtes Gelände doch schon seit geraumer Zeit macht sich das Seil am Gurt bemerkbar. Gefühlte 10 kg hängen nun am Gurt, um den Weg zur Kette nicht zum Spaziergang werden zu lassen. Am 23.07. kam meine Chance. Der erste Versuch endete noch weit vor der Crux. Zeitdruck kam auf. Das Wetter war bestens, aber das hieß auch, dass die Sonne in den nächsten 2 Stunden in die Wand kommt und mich wie ein Suppenhuhn kochen würde. Der nächste Go endete in der Crux. Matrixfehler --> letzte Möglichkeit, andere Lösung im letzten Versuch. Die Zeit rannte plötzlich. Die ersten Sonnenstrahlen blinzelten um die Ecke. Da ich am nächsten Tag um diese Zeit schon in Friedrichshafen auf der Outdoormesse zu sein hatte, ließ die Anspannung nicht sinken. Ich rannte los. 10, 20, 30 Meter: das Laktat meldete sich bereits an. Dann die Crux. Neue Lösung abspulen. Das Programm läuft reibungslos und einige Locals feuerten mich an. Ich schrie mit. Ich fand mich plötzlich in den Henkeln nach der Crux wieder. Die Arme dicht und der Hals ausgetrocknet. 40m. Halbzeit vorbei! Ich schüttelte was das Zeug hielt. Eine fette Wolke schob sich vor die knallende Sonne. Ich hatte den Eindruck, dass mich die Tour mochte und meine Ellenbogen senkten sich langsam wieder unter Kopfhöhe. Immer noch lagen 30 Meter zwischen mir und dem Umlenker. Der erste Boulder klappte gut doch die Arme waren schon wieder über dem Kopf. Der Schüttler war nun suboptimal und brachte keine Besserung der Gesamtsituation. Ich musste los. Sloper links, Messerleiste rechts, Hook links, auf Reibung rechts. Hochgreifen…..Geht nicht?! Rückzug! Schütteln! Die Zeit stand nun still. Eine Stunde war vielleicht schon vergangen und immer noch waren 15m über mir. Ein letztes Aufbäumen. Plan B abrufen. Schlechten Zwischengriff mitnehmen!! Wie soll man noch ein As aus dem Ärmel ziehen, wenn man schon das letzte Hemd gegeben hat? Plan B funktioniert und die 60-Meter-Marke rückt näher. Mit Chickenwings und Seilzug geh’ ich die letzten Meter zur Kette an. Ein Stein fällt mir vom Herzen, oder besser gesagt hängt mir am Gurt und ich schreie vor Erleichterung. Das abgelutschte Wort „King Line“ geht mir durch den Kopf und ich beginne die Abbauaktion. Auf der Stunde Rückmarsch zum Parkplatz hab ich Zeit die Erlebnisse zu verdauen und dreh mich öfters um zu „Aquarius“. Zur Bewertung können sich ja andere den Mund zerreißen. 8b/+ ist mein Tipp. Aber bitte seht selbst.

Dirk Uhlig



Stichwörter: Dirk Uhlig Dirk Uhlig, Extremsport Extremsport, Gastlosen Gastlosen, Klettern Klettern, Schweiz Schweiz




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Eintrag vom 07.08.09, 15:12
super bericht!
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