Ist Erfolg planbar? An dieser These arbeiten jahrein, jahraus Sportverbände, Funktionäre, Trainer und Athleten. Die Antwort lautet: Zu einem großen Teil sicherlich, auch wenn am Ende weitere Faktoren eine Rolle spielen, die wenig bzw. kaum zu beeinflussen sind: Verletzungen, Gegner, Wetter um nur einige zu nennen. Julius Brink/Jonas Reckermann zeigten nun, dass mit Professionalität, Engagement, sportlichem
Ende 2008 machten sich Brink und Reckermann Gedanken, wie sie ihren sportlichen Lebenstraum, den Gewinn einer olypischen Medaille realisieren könnten. Brink war gerade mit Christoph Dieckmann "brutal" bei den Olympischen Spielen 2008 gescheitert, Reckermann war gar nicht dabei, obwohl er mit Partner Mischa Urbatzka einige absolute Top-Ergebnisse abgeliefert hatte. Nach dem Rücktritt von Dieckmann war der Weg frei für das Team Brink/Reckermann und das Projekt "Olympia-Medaille".
Dazu umgaben sie sich mit einer Handvoll von Experten, die für Kompetenz, Professionalität und Qualität stehen. Das Trainer-Trio wird von Jürgen Wagner angeführt, der - egal ob früher in der Halle mit den DVV-Frauen oder in der Bundesliga mit dem Moerser SC - stets als erstklassiger Taktiker, Analytiker und feinfühliger Trainer gilt. Wer ihn kennt, weiß, dass seine unerschüttliche Ruhe auch auf seine Spieler ausstrahlt. Hans Voigt ist ein hervorragender Bewegungsanalytiker sowie zuständig für die ganzjährige Trainingsplangestaltung. Und Markus Dieckmann, ehemaliger Partner von Reckermann, ist im praktischen Trainingsalltag dabei - er könnte wahrscheinlich immer noch in der deutschen Spitze mitspielen... Auch im Management wird das weltbeste Duo von Profis geführt: Klaus Kärcher mit seiner Agentur Vitesse, der u.a. Anni Friesinger, Fabian Hambüchen oder Aljona Savchenko/Robin Solkowy betreut, sowie Andreas Scheuerpflug, zweifacher Olympia-Teilnehmer im Beach und Kenner der Szene, kümmern sich um die Vermarktung von Brink/Reckermann und sorgen dafür, dass ihnen der Rücken freigehalten wird und sie sich auf den Sport konzentrieren können. Psychologisch wird das Duo von Lothar Linz betreut, einem renommierten Sportpsychologen. Und im physiotherapeutischen Bereich vertrauen Brink/Reckermann dem Team um Jochen Dirksmeyer vom Therapiezentrum Paderborn, dem Mann mit den "goldenen Händen" (passt ja auch irgendwie jetzt, oder?).
Dabei begann das Projekt völlig unplanmäßig: In der Premierensaison eilten Brink/Reckermann von Erfolg zu Erfolg. Vier Siege auf der World Tour gelangen, darunter mit dem WM-Titel der bis gestern größte Coup, als im Finale Alison/Harley (BRA) in zwei Sätzen bezwungen wurden. Bei zehn Turnierstarts auf der World Tour erreichte das Duo sensationelle neunmal das Halbfinale, zudem setzte das deutsche Duo mit einer Siegesserie von 25 Siegen am Stück (mittlerweile nicht mehr gültig, Alison/Emanuel überholten sie) eine weitere Bestmarke und schloss als erstes europäisches Duo die Saison als Weltranglisten-1. ab. Das kam für alle überraschend und war von allen nicht so geplant.
Die große Frage war: Kann das Team im Jahr darauf an diese Erfolge anknüpfen oder diese zumindest annähernd wiederholen. Ja, es konnte. Auch wenn die Krönung in Form eines Turniersieges nicht gelang, so war die Konstanz der Leistungen und Platzierungen beeindruckend. Acht Turnierstarts 2010 bei der World Tour, sechs Mal erreichten Brink/Reckermann das Halbfinale. Zu mehr (quantitativ) reichte es nicht, weil sich Brink und Reckermann Knie-Verletzungen zuzogen und so länger pausieren mussten. Dadurch gingen sie auch unvorbereitet in die heimische EM nach Berlin und enttäuschten (sich selbst am meisten) mit Platz neun - ein erster Rückschlag.
Doch Champions stehen wieder auf, so natürlich auch Brink/Reckermann: Als Reckermann wieder komplett hergestellt war, stellte sich der Erfolg wieder ein: Bei zehn Turnierteilnahmen auf der World Tour gelang sieben Mal der Sprung in das Halbfinale, zudem mit dem Gewinn des EM-Titels endlich auch wieder ein internationaler Turniersieg. Dabei entwickelten Brink/Reckermann ihr Spiel stets weiter, um ihre körperliche Unterlegenheit gegen die Haupt-Konkurrenten Alison/Emanuel und Rogers/Dalhausser (USA) wettzumachen. Brink sagte während er Olympischen Spiele, "mit der Spielweise und Qualität von der WM 2009 hätten wir die Vorrunde überstanden, aber auch nicht mehr." Demzufolge feilte das Team an den Schwächen (gab es welche?) und forcierte Stärken. Vor allem der Aufschlag, schon 2009 ein wesentlicher Faktor für den Erfolg, wurde umgestellt - auch wegen eines neuen Balles. Der neue offizielle Spielball war deutlich anfälliger für Flatteraufschläge, Brink/Reckermann servieren fast ausschließlich mit diesem Service und erzielen damit so viel Wirkung wie kein anderes Team der Welt (auch im London-Finale zu sehen).
2012 machte erneut der Körper Reckermanns der Erfolgsstory einen Strich durch die Rechnung, die Schulterverletzung tangierte ernsthaft die Olympia-Vorbereitungen und -Aussichten: Der abermalige Gewinn von EM-Gold gleich beim ersten Turnier nach der Genesung war sensationell, wichtiger aber noch waren fast der Halbfinaleinzug beim Grand Slam in Moskau, als im Halbfinale eine 14:11-Führung gegen Alison/Emanuel noch verspielt wurde (da war doch was;-) und beim letzten Turnier vor London 2012 der fünfte Platz beim Grand Slam in Klagenfurt. Damit war klar: Die Schulter hält, Brink/Reckermann gehen mit Selbstbewusstsein in das olympische Turnier. Der "Rest" ist ganz frische Geschichte. In London steigerte sich das Team von Spiel zu Spiel, um kurz nach 22.00 Uhr am 9. August die Erfüllung ihres Traums (und Plans) wahrgemacht zu haben.
Für Christoph Dieckmann, ehemaliger Weltklasse-Beacher, zweimaliger Olympia-Teilnehmer und Ex-Partner von Brink ist der unbedingte Wille und Einsatz des Gold-Duos einmalig: "Erstens, dass sie auch nach zehn Jahren auf der World-Tour den Ehrgeiz hatten und haben, sich spielerisch weiter zu entwickeln, als Team und als Einzelspieler. Zweitens, dass sie nach London gefahren sind mit dem festen Ziel eine Medaille zu holen, vor und während des Turniers, neben und auf dem Court alles dafür getan haben, und dann dieses Ziel erreicht haben, ohne auch nur einmal ernsthaft Gefahr zu laufen vom Weg abzukommen. Julius und Jonas haben sich diese Goldmedaille durch ihre Arbeit und ihre Leistungen in den letzten vier Jahren aber vor allem natürlich in den letzten 10 Tagen mehr als verdient."
Verdient ist wohl das richtige Wort, um den langen Weg zur olympischen Medaille zu beschreiben. Brink/Reckermann investierten viel: die Gesundheit, Zeit und auch Geld. "Man muss sagen, dass diese Medaille ganz lange geplant war. Es gab gewisse Rahmenbedingungen vom Verband, und alles andere haben die beiden selbst gemacht. Trainer, Management, Physiotherapeuten - sie sind gut aufgestellt. Ein erheblicher Betrag, den sie verdienen, geht wieder in den Sport. Sie haben selbst auch finanziell viel für diese Goldmedaille investiert", sagt Manager Klaus Kärcher, der nun das Gold weiter versilbern sol. Und wenn alles nach Plan läuft, gelingt das dem Team Brink/Reckermann und seinem Umfeld.
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