Hallo,
da Tibet ein grosses Anliegen der Athleten ist, zeige ich hier einen Brief von mir an einen Freund in Mai und hoffe dass ihr auch Ansichten eines Chinesen kennenlernt, der voll für die Religionsfreiheit steht und deren besten Freunde zum tibetanischen Lamaismus übertreten sind.
Mit besten Grüßen/ Wei
Lieber Johannes,
Ich hoffe es geht Dir gut und freue mich für Euch dass ihr eine schöne Reise nach Südwesten gemacht habt; ich schreibe Dir aber auch voller Trauer und des schweren Herzens, die Ereignisse seit Mitte März lassen bei mir leider keine andere Stimmungslage zu.
Du kennst ja meine Einstellung zu Menschenrechten und meine Achtung gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Und Du weißt auch—weil wir uns schon so lange kennen—dass dies schon immer so war, als ich vor 23 Jahren als Kind nach Deutschland kam. In China wurde ich in der konfuzianischen Tradition erzogen, die Respekt, Toleranz und Demut im Umgang mit anderen Mitmenschen zu den höchsten Prinzipien des alltäglichen Handelns erhoben hat.
Ich habe Dir auch oft erzählt—schon zu unserer gemeinsamen Studienzeit in Innsbruck—wie alle meine chinesischen Freunde nur mit Bewunderung über die tibetische Hochkultur sprechen und dass zwei meiner besten Freunde von der Peking-Universität zum tibetischen Lamaismus übertreten sind. Zu den Verfehlungen und Unzulänglichkeiten der chinesischen Tibet-Politik bin ich auch immer offen gestanden. Mir nimmst Du also sicher ab, unbefangen und uneinvernommen über die Tibet-Frage sprechen zu können…
Olympia ist kein Altar für Menschenopfern
Wenn ich an die gegenwärtige Krise denke, drängen sich unausweichlich die Bilder des Kindes auf, das wie seine Eltern durch den Mob am 14.03 getötet wurde oder der jungen Verkäuferinnen in den Geschäften, Han- Chinesinnen wie Tibeterinnen, die dabei beim lebendigen Leib verbrannten. So sehr ich versuche diese Bilder zu verdrängen, kommen sie immer und immer wieder, und manchmal werde ich auf zynische Art erst recht daran erinnert, wenn ich in den deutschen Berichterstattungen ein fast kollektives Schweigen über dieses Verbrechen vorfinde.
Die rassistischen, gegen andere Volksgruppen gerichteten Morde an den unschuldigen Zivilisten als eine einmalige Entgleisung schönzureden wie die meisten deutschen Medien so tun, ist eine unannehmbare Verhöhnung gegenüber den Opfern von Lhasa, vor allem wenn man bedenkt, dass die Gewalt zum dem System des Dalai Lamas gehört—empirisch wie theoretisch.
Dass die tibetische „Exil-Regierung“ um Dalai Lama seit langer Zeit daran arbeitet, die Olympischen Spiele 2008 für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren, ist wohlbekannt und meine demokratische Besinnung hat auch volles Verständnis für alle friedlichen und undogmatischen Arten der Artikulierung des politischen Anliegens. Die gut organisierten Proteste und Übergriffe werfen aber ein ziemlich schiefes Licht auf die Pro-Tibet-Bewegung und die Person des Dalai Lama, die angeblich alle so emsig der Gewaltlosigkeit huldigen.
Ganz zu schweigen von der brutalen Herrschaftsgewalt Dalai Lamas gegenüber seiner eigenen Bevölkerung vor 1951 kann man ihm wohl vorhalten, dass er erst nach einem bewaffneten Aufstand geflohen war und dass CIA bis in die Siebziger Jahre hin rein seine Kampftruppen finanzierte und dass er die gewalttätigen Ausschreitungen seiner Anhänger in den Achtziger und Neunziger Jahren stets als den berechtigten „Volkskampf“ verteidigt hat. Seine Heiligkeit gab auch dem Irak-Krieg mit bisher hunderttausenden Zivilopfern seinen majestätischen Segen, wohl weil dadurch „negatives Karma“ vermieden werden kann (seine für einen Buddhisten eigentümliche Einstellung zur Gewalt hat Auto Goldner in einem Buch sehr fundiert dokumentier).
Wie wenig ernst der XIV Dalai Lama mit dem „Prinzip der Gewaltlosigkeit“ meint und wie wenig ihm die von ihm gepredigte „Menschlichkeit“ am Herzen liegt, zeigte auch seine Reaktion nach dem Vorfall des 14.März: als die Bilder der brennenden Häuser und des wilden Mobs um die Welt ging, als unschuldige Zivilopfer (an diesem Tag wurden 19 Tote gezählt, alle durch den Mob zu Tode gekommen) in die Welt gemeldet wurden, heizte er die Hetze-Stimmung noch weiter auf mit dem Vorwurf des „kulturellen Volksmordes“ an China, der von allen China-Experten als unbegründet abgewiesen wird. Den sich gestellten moralischen Ansprüchen nach hätte er aber gleich am Anfang der Ereignisse beide Seiten zur Mäßigung aufgerufen und auch Gewalt in der eigenen Reihe kritisieren sollen! In der Tat nahm er aber erst Tage danach Abstand von den todbringenden Gewaltaktionen seiner Jünger, nachdem der chinesische Premier, der auch in Westen als integer und glaubwürdig gilt, ihm die persönliche Verantwortung dafür nahelegte…
Mit Doppelzüngigkeit lässt sich kein Frieden für Tibet herbeireden
Damit bin ich bei einem grundsätzlichen Problem des XIV Dalai Lamas: auch wenn er in Westen en masse Meisterleistungen in Marketing erbringt und Sportstadien mit Gutmensch-Predigten füllt, der Frieden für Tibet kann nur in Einvernehmen und Eintracht mit anderen Mitmenschen in China erreicht werden, aber das Vertrauen dieser Mitmenschen hat er eben verspielt und das ist nicht nur „staatlicher Propaganda und Gehirnwäsche“ anzukreiden.
Die meisten von den Tausenden chinesischen Studenten und Mitbürgern, die in diesen Tagen in Deutschland mit Trauer- und Schweigemärschen ihre von den deutschen Medien weitgehend ignorierte Ansicht der Dinge kundmachen (und ich kann behaupten dass diese Aktionen wirklich „spontan“ sind), leben schon lange in Europa und haben sich humanistische und demokratische Werte verinnerlicht; sie sind auf die Strassen gegangen, um auf Diskrepanzen zwischen Worten und Taten der Ober-Tibeter aufmerksam zu machen und die offenen wie verdeckten Aktionen der tibetischen „Exil-Regierung“ bloßzulegen, die Hass und Misstrauen zwischen den Völkern verstärken anstatt im ehrlichen Dialog und im Geiste der Versöhnung einen echten Frieden für und in Tibet herbeizuführen.
Wie kann aber das Frieden bringende Vertrauen überhaupt möglich sein, wenn Seine Heiligkeit
• Einerseits „Menschlichkeit“ predigt, aber im gleichen Zug menschenverachtende Rechtspopulisten auf beiden Seiten der Atlantik seine besten Freunde nennt, Schulterschluss mit tötendem Sektenführer in Japan sucht und sich für den grausamen Ex-Diktator aus Chile einsetzt;
• einerseits die Olympiade in Beijing als Chance für China und die Welt gutheißt aber mit einer anderen Hand an deren Sabotage arbeitet;
• für Völkerverständigung und Versöhnung eintritt aber in Schulbüchern sein „Groß-Tibet“ so groß drucken lässt „wie der Rest Chinas“ (FAZ, vor einigen Wochen),
• sich in den Statements an westliche Medien vom ehemaligen theokratischen Feudalsystem in Tibet distanziert aber zugleich bei den Tibetern und Han-Chinesen das System weiterhin als „harmonisch“ idyllisiert,
• „buddhistische Weisheiten“ in die Welt streut, die zwar Pop and Fashionable sind aber mit dem Buddhismus tibetanischer Prägung ehrlich wenig tun hat,
• als Bewahrer der tibetischen Tradition auftritt und dabei mit der Tradition bricht und die Nachfolgeregelung für Dalai Lama und Panchen Lama alleine seinem Willen untergeordnet erklärt,
• sich als Opfer der Religionsverfolgung darstellt aber in seiner Gemeinde in Nord-Indien, wo er absolute Macht besitzt, Tibeter anderer religiöser Gruppierungen (wie Dorje Shudgen) unterdrückt,
• …
mein lieber Freund, ich muss schon Bullet-Points einsetzen, damit ich selber nicht den Überblick verliere bei der Aufzählung der vielen Sünden Seiner Heiligkeit, die mir in den letzten 20 Jahren bei der Beobachtung seines Tuns aufgefallen sind!
Andererseits habe ich auch hier viel Verständnis für die nachweisliche Inkonsistenz im Leben des Lebenden Buddhas: Max Weber sinnierte doch einst so tiefsinnig über „Politik als Beruf und Berufung“—einer könnte sehr gut nachfühlen, wie sehr der XIV Dalai Lama der Spannung zwischen dem harten real-politischen Alltag und den hohen moralischen Ansprüchen ausgesetzt ist und dabei Abstriche bei manchen ehernen Prinzipien machen muss: muss er nicht das Empfinden der Mehrheit der Sympathisanten berücksichtigen und die Lehren des tibetischen Lamaismus anders vermitteln als sie eigentlich sind? Hat nicht erst der geschäftsführende Ministerpräsident Hessens ihn in Deutschland hoffähig gemacht? Wurde er nicht wie Pinochet von der CIA an der kurzen Leine gehalten? Muss er nicht mit der Zentralregierung in Peking um Macht und Einfluss kämpfen, koste was es wolle?-- Nur, mit gespaltener Zunge kann man das Vertrauen der Menschen nicht gewinnen, mit denen er den Frieden für Tibet sichern will!
Wer Wein predigt und Wasser schenkt, soll sich nicht wundern, dass das Glas als halbleer wahrgenommen wird…
Es gibt ein Leben vor, neben und nach der Olympiade—für vernünftigen Dialog, gegen Hetzerei und Opportunismus
Oh, ich habe gleich losgelegt mit meinen Worten und mich noch gar nicht bedankt für die vielen schönen Fotos aus Yun Nan die ihr beide gemacht habt auf Eurer Reise. Wie Du gesehen hast, in der Yu Nan-Provinz leben auch viele Minderheiten wie Yao, Thai, Bai oder Yi, die zahlenmäßig (ich zähle nur die in Yun Nan zusammen) alle Tibeter in China übersteigen; aber ethnische Konflikte und Hass auf Han-Chinesen? Du hast mit eigenen Augen gesehen, dass dies Fehlanzeige wäret und es durchaus friedlich zugehen kann im multi-ethnischen Zusammenleben in China—selbst die Institution des Dalai Lamas ist ein multi-ethnisches Produkt Chinas, das über Jahrtausende organisch zusammengewachsen ist—das Wort “Dalai” ist dem mongolischen Titel entliehen, den einst der tibetische Religionsführer von einem mongolischen Groß-Fürsten empfing und die Regeln zur finalen Auswahl der Reinkarnation des Dalai Lamas wurden in der Qing-Dynastie vom chinesischen Kaiserhof festgelegt, nach denen auch der jetzige Dalai Lama ausgekoren wurde.
Das alles stimmt Einen nachdenklich, warum es gerade mit Tibet so problematisch und konfliktgeladen ist; haben nicht auch die Thai´s, die Yao´s, die Bai´s eine "einzigartige" Kultur und haben sie nicht lange Zeit territoriale Autonomie bzw. sogar Unhängigkeit in ihrer Geschichte vorzuweisen? Hat China irgendeinen Grund, Tibeter schlechter als diese anderen Nationalitäten zu behandeln, obwohl man gerade deren Herzen gewinnen müsste?
Gewiss hat die Regierung Fehler begangen in Bezug auf Tibet und macht immer noch welche; aber eine der Ursachen der kritischen Situation in Tibet ist sicherlich auch, dass die Exil-Gemeinde der Tibeter um Dalai Lama immer noch ihrem feudalen, theokratischen "Großtibet" nachträumt und mit allen Mitteln dieses zu verwirklichen versucht.
Demokratie und Achtung der Menschenrechte sind notwendige Voraussetzungen für den Frieden in Tibet; diese alleine machen aber noch keine hinreichenden Bedingungen aus und wir brauchen einen vernünftigen Dialog, der die Menschen in China näher bringt. Fundierte Kritik von Außen, so hart es auch sein mag, ist willkommen und leistet einen konstruktiven Beitrag zur Lösung des Problems.
Ein Paar Dinge, die ich gestern las, machen mich aber nicht so hoffnungsfroh, dass wir bald großen Fortschritt in der Völkerverständigung erzielen werden.
Zum einen sah ich die FAZ-Online die harsche Attacke gegen eine chinesische Rollstuhlfahrerin während des Olympischen Fackellaufs in Paris so kommentieren „..dabei wurde eine chinesische Rollstuhlfahrerin von den Protestierenden umgegeben…“, was für eine schöne Umgebung ist das, in der manche Schreibtischtäter ihre farbige (gelbe, weiße, blaue?) Brille einfach nicht ablegen wollen!
Zum anderen erlebte ich wieder einmal Tatsachenverdrehung in den Pressemitteilungen des „Tibetan Centre for Human Rights“, „die Tatsache, daß auf Aufnahmen einer der Tibeter während der Verhandlung in einem Stuhl sitzend zu sehen ist, deutet darauf hin, daß er in der Haft gefoltert worden ist..”, naja...ein schneller Blick in das ganz normale chinesische Gerichtsaal (http://pic.people.com.cn/BIG5/1098/7138256.html) veranschaulicht, warum wir den diversen Tibet-Vereinen einfach nicht übers Ohr trauen können, die im Sinne des “Der Zweck heilt jedes Mittel” allerei Unsinn verbereitet…
Es kommt aber noch dicker: in der Pressemitteilung des Repräsentanzbüros von S.H in Deutschland hieß es anläßlich des bevorstehenden Deutschland-Besuchs von S.H. :
"...demnach soll Deutschland China gegenüber für den völkerrechtlichen Anspruch Tibets auf Selbstbestimmung eintreten…“
Lässt S.H. nicht immer wieder verlautbaren, dass er keine Unabhängigkeit (mehr) anpeilt und Tibet im Einklang des Völkerrechts als einen Teil Chinas anerkennt? Die Forderung auf völkerrechtlichen Anspruch auf Selbstbestimmung, anstatt auf sozio-kulturelle Freiheiten und weitgehende Autonomie aber steht zum Widerspruch dazu und lässt nichts Gutes ahnen—KOSOVO lässt sich grüßen—und hier wird wieder einmal die bedauerliche Doppelzüngigkeit der „Exil-Regierung“ deutlich…
S.H. kommt nach Deutschland, das ist eine gute Nachricht, man kann mit ihm und seinen Anhängern diskutieren und darlegen, dass Recht und Wahrheit kein privilegiertes Gut des ehemaligen Potala-Herrn sein muss. Wichtiger ist aber mir, dass die Tibeter und Chinesen anderer Nationalität sich sowohl kognitiv als auch emotional näherkommen und endlich mal anfangen, sich einander als gleichberechtigte Mitmenschen unter einem Dach und auf gleicher Augehöhe zu verstehen. Hierfür sollen beide Seiten mal von VERHERRLICHUNG eigener Taten und Geschichte und VERNIEDLICHUNG eigener Sünden Abstand nehmen…
Es ist noch ein langer Weg zu gehen aber es ist die Mühe wert; ich denke an die Opfern des 14.März, Frauen wie Männer, Buben wie Mädchen, die wieder einmal vor meinen Augen kommen und so lebendig werden, ihnen sind wir diese Mühe schuld, sie sollen nicht umsonst gestorben sein…
Für Den Frieden.
Grüße nach Peking / Dein Wei
Düsseldorf, 10.05.2008